Apothekers Beweglichkeit

Energieführungen - Um Medikamente möglichst platzsparend zu lagern, empfiehlt sich ein Schubschranksystem von Gollmann. Es lagert bis zu 60.000 Verpackungseinheiten und kommissioniert vollautomatisch — mithilfe von Igus-Energieketten und -Leitungen.

30. September 2019
Apothekers Beweglichkeit
Jeder Schubschrank erhält seine Energie- und Signalversorgung über eine Energiekette der Baureihe E065 und Chainflex- Leitungen. (Bild: Igus)

Wer mit einer akuten Erkrankung zum Arzt geht, bekommt meist ein Rezept, mit dem er die nächste Apotheke ansteuert. Die logistische Leistung der nahezu 20.000 Apotheken in Deutschland, die er (oder sie) dann in Anspruch nimmt, wird oft nicht ausreichend gewürdigt. Eine »normale« Apotheke hält etwa 20.000 Medikamente vor (bei großen können es bis zu 60.000 sein) und wird bis zu fünfmal täglich beliefert. Der Durchsatz ist also hoch, das Lager sehr komplex und der Platz zumeist begrenzt. Deshalb haben sich Kommissionieranlagen durchgesetzt, bei denen der Apotheker per Knopfdruck das gewünschte Medikament anfordert und sich in der kurzen Wartezeit seinem Kunden widmen und ihm beispielsweise die Medikation erklären kann.

Die Anlagen der Gollmann Kommissioniersysteme GmbH in Halle (Saale) sind besonders kompakt. Während andere Systeme mit festen Gassen arbeiten, in denen ein Handlingsystem verfährt, setzt Gollmann auf verfahrbare Schränke, die jeweils dort eine Gasse öffnen, wo gerade Ware kommissioniert respektive eingelagert wird. Dieses Prinzip spart nicht nur Platz. Es erlaubt darüber hinaus auch die individuelle Anpassung an die räumlichen Gegebenheiten in allen Dimensionen. Trotz dieser immensen Fertigungskomplexität müssen Flexibilität und Zuverlässigkeit garantiert werden. Gollmann setzt hier auf zwei Faktoren. Zum einen verfügt das Unternehmen über eine eigene hohe Fertigungstiefe und zum anderen setzt es auf hochwertige Industriepartner als Zulieferer.

Die Kommissionieranlagen sollten nicht ausfallen, zumal eine Anlage etwa 15 Millionen Bewegungen in 15 Jahren Apothekenleben hat. Aktuell verlassen 250 Anlagen pro Jahr die Montagehallen, also eine an jedem Werktag. »Anfangs gab es feste Varianten. Jetzt sind wir flexibel in allen Dimensionen und können Automaten anbieten, die 60.000 Artikel und mehr lagern können. Keine Anlage ist wie die andere.« so Sven Ronneberger, Technischer Leiter bei Gollmann.

Energieversorgung

Jeder Schrank verfährt mit einem Schrittmotor, der mit Energie- und vor allem Signalzuführungen versorgt werden muss. So wird die Endposition jeweils über einen Initiator abgefragt. Es gibt also viele bewegliche Leitungen und entsprechend auch diverse Energieketten, zumal auch der Arm des Regalbediengerätes und der Greifer am Ende des Arms Energie benötigen.

Gollmann hat sich frühzeitig für Energieketten, unter anderem der Baureihe E065 von Igus entschieden. Etwas später fiel dann die Entscheidung, auch die Leitungen bei Igus zu beziehen. Da die Gollmann-Kommissionieranlagen per CAN-Bus kommunizieren, stehen hier die Busleitungen aus dem Chainflex-Programm im Fokus. Allein aus der Serie CF211 hat das Unternehmen im vergangenen Jahr fast 30 Kilometer Chainflex-Leitungen bezogen. Eine eigens entwickelte Chainflex-Messsystemleitung auf Basis der Serie CF211 verschaffte vielfältige Vorteile in der Verarbeitbarkeit der Leitung. Bei derartigen Verbrauchsmengen lassen sich repräsentative Aussagen zur Zuverlässigkeit treffen. Ronneberger dazu: »In unseren weltweit installierten Kommissionieranlagen haben wir bisher mehr als 20.000 Energieketten verbaut, die sehr zuverlässig ohne Störungen und Wartung laufen.« Das ist auch deshalb wichtig, weil die Apotheken, die in einen Gollmann- Automaten investieren, von einem »Rundum-Sorglos-Paket« profitieren, da der Hersteller über die durchschnittliche Anlagenlebensdauer von fünfzehn Jahren die Verantwortung – und die Kosten – für den kompletten Service übernimmt, einschließlich der ungeplanten Ausfälle. Dieses Sicherheitsversprechen untermauert Gollmann mit einem bundesweiten Drei-Stunden-Vor-Ort-Service.

Auf Biegen und Brechen

Die Zusammenarbeit startete mit Dauertests der Energieketten und Leitungen von Igus an der Testanlage von Gollmann. Parallel wurden die Komponenten unter den von Gollmann vorgegebenen Parametern mit den Erfahrungswerten abgeglichen, die Igus seit mehr als 27 Jahren aus Tests im 3.800 Quadratmeter großen Testlabor sammelt. Dabei berücksichtigten die Tests insbesondere den Biegeradius, der hier aufgrund der Kompaktheit der Anlagen oft eng ist.

Ursprünglich verwendete Gollmann nur solche Energieketten und Leitungen aus dem Igus-Programm, die sich durch einen besonders geringen Biegeradius auszeichnen und deshalb universell verwendet werden können, was aus Gründen der Standardisierung verständlich ist. Vor zwei Jahren prüften die Konstrukteure gemeinsam mit Igus jedoch die Möglichkeit, zwei Qualitäten zu verwenden. Das erwies sich als sinnvoll, und Gollmann spart seitdem pro Jahr eine vierstellige Summe an Leitungskosten.

Solche Projekte sieht Ronneberger als wichtig und wertvoll an: »Unsere Mitarbeiter aus den Abteilungen Konstruktion sowie Forschung und Entwicklung schätzen die offene, langjährige und durch Partnerschaft geprägte Zusammenarbeit mit Igus. Ein zusätzlicher Vorteil, der nicht selbstverständlich ist, sind die persönlich von Igus durchgeführten Produktschulungen bei uns vor Ort.«

Ein weiteres Optimierungsprojekt betrifft die Chainflex-Sonderleitungen, etwa für die Messtechnik. Sie wurden im Hinblick auf die Steckermontage verbessert, was Kosten und Montagezeit spart. Generell spielt der Montageaufwand bei der Komponentenauswahl eine wichtige Rolle: »Wir achten sehr auf die Verarbeitbarkeit. Die Ketten müssen sich zum Beispiel komfortabel befüllen lassen«, so der Technische Leiter. Das ist bei der Baureihe E065 der Fall: Die Leitungen werden einfach über den Außenradius ins Innere der Kette gedrückt.

Zweckentfremdung

Das innovative Rollschrankprinzip der Kommissioniersysteme hat inzwischen Interesse jenseits der Pharmazie geweckt. Ronneberger führt aus: »Wir projektieren zunehmend Anlagen für ganz andere Anwendungen, zum Beispiel für die Verwaltung von zehntausenden Proben bei einem Hersteller von Gewürzmischungen für die Gastronomie.« In einem anderen Fall lagert ein Unternehmen der Metallbearbeitung teure Dreh- und Fräswerkzeuge in einem Gollmann-Automaten. Ist ein Werkzeug verschlissen, holt der Werker Ersatz. Ein ganz neuer Einsatzfall sind Pop-up-Stores, die in Einkaufszentren aufgestellt und als platzsparende und attraktive temporäre Verkaufsstelle genutzt werden.

Motek: Halle 4, Stand 4320

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 48 bis 49