Herr Maier, Sie sind 2019 mit einer Whitepaper-Reihe zu Industrie 4.0 und Digitalisierung gestartet. Bis zur SPS wollen Sie neun Paper veröffentlicht haben. Wie entstand diese Idee?

Viele Projekte mit unseren Maschinenbaukunden haben uns gezeigt, dass ein großes Interesse an qualitativ hochwertigen, fokussierten Informationen zu allen Aspekten der Digitalisierung besteht. Viele OEM tun sich noch schwer, bestimmte Themen in ihrer Priorität einzusortieren. Hier bieten wir mit konzentriertem internem wie externem Wissen Orientierung, konkrete Beispiele und Empfehlungen für die ersten Schritte. Die Reaktionen der Leser zeigen, dass wir damit ganz richtig liegen.

Wie kommt ein Unternehmen mit Schwerpunkt in der Antriebstechnik dazu, hier Whitepaper zu erstellen? Das würde man von Beratungsunternehmen erwarten ...

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Seit vielen Jahren arbeiten mehr als 1.000 Lenze-Sales-, Applikations- und auch Entwicklungsingenieure tagtäglich gemeinsam mit unseren Maschinenbau-Kunden an Auto- matisierungsprojekten. Auf Basis dieser Er- fahrung können wir von uns sagen, die Herausforderungen unserer Kunden gut zu verstehen. Und in diesem Sinne sehen wir uns auch ein Stück weit als Berater rund um das Thema Digitalisierung – vom allgemeinen Überblick bis hin zu konkreten Guidelines zum Thema Cloud-Computing oder dem Digitalen Zwilling. Wir haben übrigens auch ein Whitepaper herausgegeben, das sich mit dem Thema Plug and Produce beschäftigt.

Welche Herausforderungen gilt es, auf dem Weg der Digitalisierung zu stemmen?

Ich sehe hier drei ganz wesentliche Fragen, die man beantworten sollte, bevor man so richtig loslegt. A: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Wo liegt der größte Nutzen entweder für mein Unternehmen oder meine Kunden? Beides ist legitim. B: Habe ich die richtigen Kompetenzen an Bord beziehungsweise wie beschaffe ich sie mir angesichts des grassierenden Fachkräftemangels? C: Daten sind der Rohstoff der Digitalisierung, das neue Öl. Öl kann aber verschmutzt sein. In Analogie dazu müssen wir fragen, ob die notwendigen Daten in hin- reichender Qualität verfügbar sind, oder ob ich sie vorher einmal ordentlich aufräumen muss. Meine Prognose heißt: Aufräumen! Dabei würde ich aber durchaus auch empfehlen, ein- mal auf deutsche analytische Gründlichkeit zu verzichten, zugunsten eines fokussierten Aus- probierens, oder – vornehmer formuliert– agile Entwicklungsmethodik. Und dabei in jedem Fall Fehlschläge mit einzukalkulieren: Try – Fail fast – Try again. Aber keine Sorge, die gesamte Branche steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Sie sind auch auf der SPS vertreten. Welche Entwicklungen werden Sie präsentieren? Gibt es ein Highlight in Richtung Digitalisierung?

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Wir zeigen, dass der digitale Wandel den Maschinenbau nicht zwangsläufig komplizierter machen muss, sondern gerade für das Engineering und die Konstruktion wie auch für den laufenden Betrieb der Maschine – denken wir beispielsweise an Condition Monitoring – hervorragende neue Möglichkeiten eröffnet. Im Fokus stehen in diesem Jahr daher unsere durchgängigen Werkzeuge und Services für das Digital Engineering über den gesamten Engineering-Prozess. Es gibt einiges zu entdecken – ein Besuch auf unserem Stand lohnt sich also. Wir freuen uns darauf.

»Wir müssen die Maschine mehr und mehr über die Software definieren.«

— Frank Maier, Innovationsvorstand Lenze

Wo sehen Sie die größten Vorteile des Digital Engineerings?

Die Vorteile sind vielfältig. So ermöglicht es der digitalisierte Entwicklungsprozess, Maschinen und Prozesse bereits im Entwurfsstadium zu erproben, bevor in den Einsatz teurer Hardware investiert wird. Die Inbetriebnahme läuft so sehr viel schneller und sicherer. Durch die Simulation auf Basis von Verhaltensmodellen kann der reale Prozess im laufenden Betrieb optimiert werden. Schon heute können wir mit KI-Methoden große Datenmengen aufbereiten, um Anomalien früh zu erkennen. Gleichzeitig verbessert die Erfassung aller Assets einer Maschine die Wartung und den Service und reduziert wesentlich die Kosten und Stillstandzeiten. Damit unterschiedliche Komponenten in einer digitalen Entwicklungsumgebung zusammenspielen können, benötigen wir jedoch ein erhebliches Maß an Standardisierung.

Was sind Anforderungen an die Werkzeuge?

Hier sind wir bei Altbekanntem: Durchgängigkeit, Wiederverwendung, hoher Grad an Usability, Modularität, Wartbarkeit. Zusätzlich steigt jedoch die Bedeutung der Kompatibilität der Daten sowie der Schnittstellen entlang des gesamten Lebenszyklus einer Maschine enorm. Daten haben einen großen Wert für ein Unternehmen und müssen jederzeit verfügbar und in aufbereiteter Form interpretierbar sein. Und das Ganze natürlich auch noch sicher.

Sie beschreiben in einem Paper, wie die Cloud Fortschritte durch Datenanalyse und -verarbeitung ermöglicht. Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie den Servicetechniker, der einigermaßen ratlos vor der Maschine steht, weil er sich die beobachteten Symptome nicht erklären kann. Wir können in der Cloud ein Expertensystem hosten, das das aggregierte Wissen der Lenze-Welt enthält und ihm daraus resultierend Vorschläge zur Problemlösung unterbreitet.

Software ist zudem längst Bestandteil des Maschinenbaus und wird immer wichtiger ...

Richtig, Software dringt immer tiefer in die Kernprozesse der Maschine ein. Demzufolge müssen wir die Maschine auch mehr und mehr über Software definieren, das Stichwort heißt Objektorientierung. In der SW-Welt schon lange Stand der Technik, stehen wir im Maschinenbau da durchaus noch am Anfang. Denken Sie an die IEC61131 als nicht-objektorientierte Sprache der PLC-Welt. Die Zerlegung der Maschine in funktionale Module, in Objekte, und deren Vernetzung in der Maschine wird eine zentrale Kompetenz. Damit kommen wir fast automatisch zu selbstorganisierenden Prozessen, die die zunehmende Auflösung der bisher streng hierarchischen Automationspyramide erfordert.

Was sollte der Maschinenbauer Ihrer Ansicht nach dafür tun?

Ganz klar: Software und IT-Experten an Bord nehmen, selbst oder über Partner. Und sich außerdem vom Not-invented-here-Syndrom lösen und offene Standards sowie vorgefertigte Software, wie Lenzes FAST-Bibliothek, nutzen. Der größte Hebel heißt: Wiederverwendung.

Wie weit sind Sie bei Lenze mit dem Thema Digitalisierung? Wo setzen Sie Schwerpunkte und wo wollen Sie hin?

Mit unseren Töchtern Encoway und Logicline haben wir schon viele Jahre Digitalisierungserfahrung – innerhalb der Lenze-Gruppe genauso wie in Richtung unserer Kunden. Wir haben intern mit dem Lean-Data-Konzept das Thema ›Aufräumen‹ mittlerweile hinter uns, nach erheblichem Aufwand! Inzwischen haben wir einen Stand erreicht, der sich in der Branche sehen lassen kann. Im Rahmen unserer ›Gläsernen Fabrik‹ geben wir hier auch gerne Einblicke in die Erkenntnisse, die wir gewonnen haben. Die Mission der Digitalisierung bei Lenze ist für die nächsten Jahre klar fokussiert: Der Kunde erhält individuelle Produkte zu niedrigsten Prozesskosten.

Viele Kunden stehen ganz am Anfang einer ganz ähnlichen ›Digitalreise‹ und finden in uns einen Partner, der ihnen hilft, das Thema Digitalisierung wirtschaftlich sinnvoll und ganzheitlich anzugehen. Schließlich haben wir als Lenze den unschlagbaren Vorteil, dass wir vom Antrieb bis zum Cloud-Modell über alle notwendigen Kompetenzen in einem Hause verfügen.

SPS: Halle 1, Stand 360