Aufwärts immer

MRK - Durch die Implementierung kollaborierender Leichtbau- roboter und einer intelligenten Software für das Bestandsmanagement optimiert Hailo, Anbieter von Leitern, anderen Steiggeräten und Mülleimern, seine Prozesse und kann so effizienter und exakt auf den Bedarf zugeschnitten produzieren.

18. Dezember 2019
Aufwärts immer
Ein UR5 mit einer Traglast von fünf Kilogramm befestigt Bedienungsanleitungen an Stufenstehleitern von Hailo. (Bild: Universal Robots)

Das 380 Mitarbeiter umfassende Unternehmen Hailo mit Sitz im hessischen Haiger stellt hochwertige Konsumgüter her. Trotz eines variantenreichen Angebots ist es eine stetige Herausforderung, sich auf dem Markt für diese Produktgruppe zu behaupten. Um stets eine große Auswahl von Produkten liefern zu können, hat das Unternehmen deshalb in der Vergangenheit oft über den tatsächlichen Bedarf hinaus produziert. Der Grund: ungenaue Absatzprognosen. Die Folge: zu hohe Bestände im Lager und Druck in der Produktion, die ohnehin damit zu kämpfen hat, genügend gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden. Meik Schmidt, Leiter Produktion bei Hailo, erklärt: »Industrie 4.0 bedeutet für uns die Digitalisierung sämtlicher industrieller Prozesse mittels smarter Automation. Daran glauben wir. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, an verschiedenen Stellschrauben zu drehen, um unser Unternehmen in diese Richtung zu entwickeln und unsere Produkte zielgerichteter auf den Markt zu bringen.«

Überproduktionen führten bei Hailo häufiger zu verlustreichen Abverkaufsaktionen, um wieder Platz im viel zu vollen Lager zu schaffen. Für das Unternehmen war dies einer der Gründe dafür, das Bestandsmanagement mit IT-Unterstützung zu verbessern: »Mit der manuellen Auswertung unserer ellenlangen Excel-Tabellen und den Standardfunktionen unseres ERP-Systems kamen wir nicht mehr weiter – wir brauchten zuverlässige Vorhersagen und keine groben Schätzungen. Nach einer Marktanalyse hat uns schließlich die add*One-Bestandsoptimierung des Aachener Softwarehauses Inform überzeugt, die mit intelligenten Algorithmen operiert«, erläutert Schmidt.

Softwareseitige Optimierung

Über eine neu programmierte Schnittstelle wurde das System innerhalb eines halben Jahres auf das ERP-System aufgesetzt. Die add*One-Software ergänzt das vorhandene System um echte Optimierung. Sie analysiert mit ihren selbstadaptierenden Prognosealgorithmen die aktuelle und historische Bedarfssituation für jeden Artikel und gibt konkrete Bestellvorschläge an. Dabei berücksichtigt die Software nicht nur die Auftragslage, sondern auch Wiederbeschaffungszeiten, Lieferantenkonditionen, Kostenvorteile und mögliche Lieferengpässe, beispielsweise aufgrund von Feiertagen.

Die add*One-Bestandsoptimierung nutzt Hailo nun vornehmlich, um seinen Lagerbestand zu managen. Die interne Lagerfläche beträgt rund 20.000 Quadratmeter, die Regalflächen für circa 10.000 Europaletten enthalten. Dort lagern zum einen die Teile, die in der Produktion verarbeitet werden und zum anderen bereits fertig hergestellte Produkte, die auf den Verkauf warten.

Sechs Mitarbeiter aus Einkauf und Disposition nutzen die Software bei Hailo operativ; vier weitere Mitarbeiter setzen sie für strategische Zwecke ein. Im Rahmen der Implementierung sorgte Inform auch für die Schulung der User. »Unsere Mitarbeiter schätzen den hohen Bedienkomfort und die sinnvollen Handlungsempfehlungen des Systems. Ergänzend nutzen wir gerne die Analysefunktionen, die uns einen besseren Blick auf die künftige Planung ermöglichen und uns Ansatzpunkte für weitere Optimierungen liefern. Die Prozesse sind wesentlich effizienter und transparenter geworden«, verdeutlicht Schmidt. Aktuell arbeiten die Mitarbeiter daran, Bestellprozesse komplett zu automatisieren, um den Dispositionsaufwand weiter zu reduzieren.

Durch den Einsatz des intelligenten IT-Systems von Inform veränderte sich der Lagerbestand bei Hailo bereits nach wenigen Monaten zum Positiven – bei einem gleichbleibend hohen Servicegrad von 95 Prozent. Die Digitalisierung logistischer Prozesse wirkt sich bei Hailo zudem vorteilhaft auf die Produktion aus: »Dank der Bestandsoptimierung wissen wir nun genau, welche Artikel wir für die Herstellung benötigen und wann diese bestellt werden müssen. So können wir nun wesentlich gezielter und mit weniger Druck produzieren«, sagt Schmidt. Um diese Entwicklung auszubauen und sich der Realisierung der Industrie 4.0 weiter zu nähern, prüft Hailo darüber hinaus kontinuierlich seinen gemischten Maschinenpark aus alten und neuen Anlagen auf Optimierungspotenzial. »Ein ernst zu nehmendes Problem in der Produktion ist die Personalknappheit. Um Mitarbeiter zu gewinnen und an uns zu binden, müssen wir ihnen anspruchsvollere Aufgaben bieten und sie von monotonen Tätigkeiten entlasten. Die Lösung liegt für uns daher ganz klar in der Automatisierung«, weiß Schmidt.

Hailo verfügt bereits über Erfahrungen im Bereich des Robotereinsatzes, neu war allerdings die Nutzung sogenannter Cobots. Pionier in der Entwicklung dieser besonderen Leichtbauroboter ist der dänische Hersteller Universal Robots (UR). Im Gegensatz zu traditionellen Industrierobotern dürfen Cobots aufgrund ihrer Sicherheitsfeatures in nächster Nähe zum Menschen arbeiten oder sogar direkt mit diesen zusammen. »Für die Tätigkeiten, die uns im Rahmen der Herstellung von Leitern und Mülleimern vorschwebten, waren die UR-Cobots ideal. Sie sind klein, unkompliziert in der Bedienung und dürfen sehr nah an unseren Mitarbeitern operieren«, beschreibt Schmidt die Vorzüge.

Cobots Teil des Teams

Heute unterstützen drei UR-Cobots die Produktionsmitarbeiter bei Hailo im Schichtbetrieb: Ein UR5 mit einer Traglast von fünf Kilogramm befestigt Bedienungsanleitungen an Stufenstehleitern; je ein UR10 und ein UR10e, die bis zu zehn Kilogramm heben können, kümmern sich um die Beschickung von Klinkmaschinen mit Blechrohlingen, die später weiter zu Mülleimern verarbeitet werden. Die Cobots führen ihre Bewegungen dabei exakt und immer gleich aus, was zu einer hohen Zuverlässigkeit im Produktionsgeschehen führt. Das Resultat: »Die Cobots sind Teil unseres Teams geworden. Wir sind begeistert von der einfachen Handhabung und spüren eine deutliche Arbeitsentlastung. Unsere Mitarbeiter kümmern sich um die Bedienung der Roboter und konnten sich dadurch in ihren Fähigkeiten weiterentwickeln«, fasst Schmidt zusammen.

Die Optimierung der Prozesse in Logistik und Produktion hat sich für Hailo in mehrfacher Hinsicht gelohnt. So führte der Einsatz der add*One-Bestandsoptimierung dazu, dass das Unternehmen seine Waren in ausreichender Menge verfügbar halten kann. In Kombination mit der Implementierung der UR-Cobots führte dies zu deutlich kürzeren Durchlaufzeiten und einer besseren Reaktionsfähigkeit. Qualität und Servicegrad blieben gleichbleibend hoch. Gleichzeitig wirkten sich die Investitionen in neue Technologien bei Hailo positiv auf die Personalsituation aus: »In beiden Bereichen konnten wir unsere Arbeitsplätze aufwerten, indem wir unsere Mitarbeiter von sich wiederholenden Tätigkeiten befreit und ihnen mehr Verantwortung übertragen haben. So konnten wir diese enger an uns binden und sind zudem in der Lage, durch den hohen Automatisierungsgrad etwaige Personalwechsel gut aufzufangen«, lobt Schmidt.

Der Wandel zur Smart Factory ist bei Hailo in vollem Gange: »Wir können eine wesentlich bessere Transparenz zwischen allen Abteilungen feststellen. Das führt zu besseren Ergebnissen. Wir produzieren dank unseres Technologieeinsatzes heute mehr Ware bei gleichzeitig geringerem Lagerbestand und agieren damit insgesamt wirtschaftlicher. Unser Ziel ist es, die vierte industrielle Revolution auch in weiteren Bereichen in die Tat umzusetzen«, bilanziert Schmidt.

Erschienen in Ausgabe: 09/2019
Seite: 32 bis 34