„Ist das wirklich zuckerfreie Cola, die ich bekommen habe? Ist das Medikament, das ich online bestellt habe, echt oder nicht? Aus welchem Material besteht mein Pullover und wie wasche ich ihn am besten?“ Die meisten Entscheidungen beruhen auf Erfahrung, Bauchgefühl, Vermutungen oder einfach der Hoffnung, die richtige Entscheidung zu treffen. Das soll sich nach der Vision von Dr. Ronny Timmreck und seinen Kollegen ändern. „Jeder Mensch soll datenbasierte Entscheidungen treffen können“, so der Gründer und CEO des Dresdner Start-ups Senorics. Mit den Spektroskopie-Sensoriklösungen des Unternehmens könne die Entscheidungsgrundlage zuverlässig um den Faktor Daten erweitert werden. Alltägliche Fragen könnten dann einfacher und gleichzeitig verlässlicher beantwortet werden.

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Das 2017 aus der TU Dresden ausgegründete Start-up ist mit einer patentierten Sensortechnologie auf dem Markt, die leistungsfähige Hardware auf dem Level bisheriger High-End-Lösungen mit dem günstigen Preispunkt vorhandener Low-Cost-Systeme kombiniert. „Das ist bislang einmalig weltweit und eröffnet völlig neue Anwendungsfelder, die bisher nicht von der Analysemethode Spektroskopie profitieren“, sagt Timmreck.

Das setzt aber voraus, dass es ein Volumenmarkt ist, da sonst ein niedriger Preis nicht erreicht werden kann. Autos sind ein solcher Volumenmarkt und somit attraktiv für die Vermarktung der Technologie. So ist das junge Unternehmen auch im Automotive-Bereich aktiv. „Details dürfen wir leider nicht preisgeben“, wirbt er um Verständnis.

Kooperation mit Zeiss

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Auf dem Weg zur erfolgreichen Entwicklung und Vermarktung seiner Sensortechnologie hat sich das junge Unternehmen Kooperations-Partner und Investoren an Bord geholt, darunter auch Zeiss. „Dass Zeiss unsere Technologie für gut befunden hat und zukünftig nutzen möchte, trägt wesentlich dazu bei, das Vertrauen bei unseren Kunden zu stärken“, sagt CEO Timmreck über den neuen Kooperationspartner.

„Zudem ermöglicht uns die Zusammenarbeit mit Zeiss nicht nur Unterstützung bei der Entwicklung, sondern auch bei der Vermarktung unserer Technologie.“ Was aber weitere Partner und Zulieferer des auf optische Sensortechnologie und Spektroskopie spezialisierten Spin-off der Technischen Universität betrifft, herrscht sonst aufgrund von Geheimhaltungsvereinbarungen – mit Ausnahme von Zeiss – Stillschweigen bei Senorics. „Es sind neben einigen Mittelständlern aus dem DACH-Bereich überwiegend große Unternehmen aus der Global Fortune 500– und DAX-Riege, die jeder Otto-Normalverbraucher schon mal gehört hat – darunter auch bekannte Unternehmen aus dem Automobilbereich“, berichtet Robert Langer, ebenfalls Gründer und heute Chief Commercial Officer bei Senorics.

Aus dem F&E-Bereich sind besonders die TU Dresden und das Mutterinstitut der Senorics-Gründer, das Institut für Angewandte Physik, als Entwicklungspartner zu nennen. „Aber auch andere Bereiche wie etwa die Lebensmittelchemie oder die Agrartechnik sowie einige Fraunhofer Institute und mehrere Hochschulen in ganz Deutschland gehören dazu“, ergänzt Langer.

Dass derart namhafte Unternehmen und F&E-Einrichtungen mit Senorics zusammenarbeiten, hat einen einfachen Grund, stellt der CCO heraus: „Unsere patentierte optische Sensortechnologie ermöglicht es, Spektroskopie für sichtbares – VIS – und nahinfrarotes – NIR – Licht als Analysemethode aus dem Labor in den Alltag zu überführen.“ Spektroskopie in diesen Wellenlängenbereichen erlaubt die Detektion von Inhaltsstoffen und Verunreinigungen in einer Vielzahl von Feststoffen und Flüssigkeiten, wie beispielsweise Lebensmitteln, Kunststoffen oder Kühlmitteln.

Die Vorteile seien beeindruckend, wie Timmreck ausführt: „Die auf organischen Halbleitern basierende Technologie ist preiswert, miniaturisierbar und kann dank ihrer flexiblen Bauform in stationären Industrieprozessen eingesetzt oder in mobile Analysegeräte integriert werden.“ So ist der Sensor lediglich so groß wie ein Ein-Cent-Stück. Daraus ergeben sich zahlreiche potenzielle Anwendungsmöglichkeiten, wie beispielsweise der Einsatz der Sensoren in Haushaltsgeräten und anderen konsumentenorientierten Geräten oder die Verwendung der Technologie für mobile Qualitätskontrollen.

Aus der Labor-Nische geholt

So präsentierte Senorics auf der Semicon 2019 einen spektroskopischen Sensor zur Analyse von Inhaltsstoffen und Zusammensetzungen – beispielsweise für Textilien, Lebensmittel und Kunststoffe. Möglich wird dies durch nahinfrarote Lichtstrahlen, die auf feste Materialien oder Flüssigkeiten treffen und deren reflektiertes Spektrum dann per Sensor gemessen wird. Mit dem Spektrometer ließe sich zum Beispiel die korrekte Zusammensetzung von Medikamenten prüfen oder der Proteingehalt von Weizen direkt im Feld messen.

Qualitätssicherungs-, Prüf- und Entscheidungsprozesse wie beispielsweise Warenein- und -ausgang oder Güteklassifizierungen können erheblich beschleunigt werden „Bislang waren diese Analysen nur stationär mit kostenintensiven Messgeräten im Labor möglich. Unser mobiles Nahinfrarot-Spektrometer ist deutlich kostengünstiger und dazu flexibel einsetzbar“, erläutert Timmreck.

In der Regel arbeitet das Start-up als klassisches KMU mit großen Unternehmen im Rahmen von Entwicklungsprojekten zusammen, die ein konkretes Produkt auf Kundenseite zum Ziel haben. Spezifisch an die Kundenanforderungen angepasst, entwickelt es Sensoren mit einem entsprechenden Spektralbereich und konzipiert die dazugehörigen chemometrischen Algorithmen.

Zeiss beispielsweise investiert nicht nur in Senorics, sondern hat seit 2019 eine technologische Kooperation mit dem Start-up. Ziel ist die weitere gemeinsame Entwicklung von besonders kleinen und kosteneffizienten Sensoren für den industriellen Einsatz in der Qualitätskontrolle und im Prozessmonitoring, beispielsweise in Herstellungslinien für Lebensmittel, Agrarprodukte, Kunststoffe oder Arzneimittel.

»Wir wollen weg von schweren und teuren Laborgeräten hin zu mobilen, miniaturisierbaren, robusten und alltagstauglichen Geräten und Sensoren, die in Alltagsgegenständen verbaut werden können, wie etwa in Smartphones oder in anderen mobilen Geräten.«

— Dr. Ronny Timmreck, CEO Senorics

Mit dieser und anderen Kooperationen wollen die Senorics-Macher eigenen Aussagen zufolge die leistungsfähige Analysemethode Spektroskopie aus der Nische Labor befreien, massenmarkttauglich machen und somit zur Erhöhung der Lebensqualität der breiten Bevölkerung beitragen – oder wie es Timmreck formuliert „Wir wollen weg von schweren und teuren Laborgeräten hin zu mobilen, miniaturisierbaren, robusten und alltagstauglichen Geräten und Sensoren, die in Alltagsgegenständen verbaut werden können, wie etwa in Smartphones oder in anderen mobilen Geräten.“

Auch beim Thema AdBlue sieht das Unternehmen für sich Potenzial. AdBlue ist eine Wasser-Harnstoff-Mischung zur Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen. „Die Detektion des Wasser- und Harnstoffgehaltes ist mittels Spektroskopie sehr gut möglich“, sagt CCO Langer. „Eine Überwachung des korrekten Tankinhaltes des AdBlue-Tanks wäre mit unserer Technologie preiswert möglich – allerdings haben wir bislang noch keinen ernsthaften Interessenten für diese Anwendung gewinnen können.“