Zunächst vielen Dank, dass Sie sich zum Interview zur Verfügung stellen. Seit Beginn des Jahrtausends führen Sie, Herr Stöber und Herr Thiel, das Unternehmen gemeinsam in dritter Generation. Auf der vergangenen SPS hat Ihr Unternehmen die dritte Generation von Planetengetrieben vorgestellt. Welche Assoziationen haben Sie bei dem Begriff dritte Generation?

Patrick Stöber: Zunächst einmal vor allem Stolz. Ein Unternehmen über drei Generationen erfolgreich zu führen, ist nicht selbstverständlich. Bei Weitem nicht alle Familienunternehmen haben diesen Status erreicht. Natürlich gehört auch das notwendige Quäntchen Glück dazu. Aber wir haben es geschafft, zum einen die Erfahrung über die Generationen hinweg in die Entwicklung und Fertigung unserer Produkte einfließen zu lassen – und modernisieren gleichzeitig von Beginn an immer wieder unsere Prozesse und unser Arbeitsumfeld.

Die Internationalisierung hat uns in den vergangenen Jahren weit nach vorne gebracht, die Digitalisierung treibt aktuell. Wir sehen auch künftig in der Internationalisierung ebenso wie in der Digitalisierung riesige Chancen für unser Unternehmen. Beide Faktoren bedingen aber auch – insbesondere durch eine stärkere Vernetzung – dass unser Geschäft anfälliger wird und daraus folgend neue Handlungsfelder notwendig werden, um dieser Anfälligkeit stabil zu begegnen.

Herr Thiel, was zeichnet die jüngste, dritte Generation Ihrer Planetengetriebe aus?

Andreas Thiel: Ganz allgemein gesprochen charakterisieren grundlegende konstruktive Optimierungen die dritte Generation unserer Planetengetriebe. Unser Anspruch war, die Performance zu verbessern, deutlich kompakter zu bauen und einheitliche Schnittstellen zu schaffen. Und das ist uns auch gelungen. Unsere neuesten Antriebslösungen sind in ihrer Vielseitigkeit die kompaktesten auf dem Markt. Im Vergleich zur letzten Generation zeichnen sie sich insbesondere durch einen kleinen Bauraum, geringeres Gewicht, ein großes Drehmoment und daraus resultierend durch eine um bis zu 65 Prozent gesteigerte Leistungsdichte aus. Im Direktanbau entfällt bei unseren Getriebemotoren der Motoradapter – sie besitzen dadurch ein geringeres Massenträgheitsmoment. Die volle Antriebsdynamik ist also nutzbar, was einen wirklichen Vorteil für unsere Kunden bedeutet.

Darüber hinaus haben wir jetzt auch für unsere Getriebemotoren ein elektronisches Typenschild implementiert, das die Inbetriebnahme per Plug-and-play an die Stöber-Antriebsregler deutlich vereinfacht, die Systemkonfiguration spürbar verkürzt und die Fehleranfälligkeit minimiert.

Wo sehen Sie Ihre Märkte und wo haben Sie international den größten Nachholbedarf?

Patrick Stöber: Für uns sind grundsätzlich alle Märkte interessant, die Bedarf an hochwertigen Antriebssystemen haben. Wir wollen uns aber nicht verzetteln und haben in vielen der Länder, in denen wir bereits tätig sind, noch Wachstumspotenzial, etwa in China. Dort sind wir bereits seit Jahren erfolgreich unterwegs und wollen jetzt durch eine noch deutlichere Präsenz vor Ort die nächste Entwicklungsstufe beschreiten. Hierzu haben wir unser Repräsentanzbüro in Beijing in eine eigene Tochtergesellschaft in Shanghai überführt. Mit diesem Set-up versprechen wir uns eine intensivere Wahrnehmung bei unseren bestehenden und potenziellen Kunden und in der Folge eine breitere Marktbearbeitung. Außerdem haben wir mit diesem Set-up durch den Erwerb einer Produktionslizenz auch die Möglichkeit, Schritt für Schritt in Richtung Aufbau einer Produktion zu denken, um so unseren globalen Fertigungsverbund zu erweitern.

Haben Sie in Ihrer Arbeitsorganisation Möglichkeiten geschaffen, um neben dem Tagesgeschäft auch Raum für das Entwickeln neuer Produkte zu kreieren?

Patrick Stöber: Wir haben im Hause eine Kombination aus Teams und Tools, in und mit denen an Ideen für morgen gearbeitet wird. Neben den traditionellen Entwicklungsabteilungen Mechanik und Elektronik, die sich immer mehr vernetzen und neben ihren Eigeninitiativen auch Input von marktnahen Abteilungen verarbeiten, entstehen Innovationen in weiteren Teams. Als Beispiel möchte ich hier unser Team ›Digital Transformation‹ nennen. Dieses setzt sich aus jüngeren Mitarbeitern aus den traditionell an Innovationen beteiligten Abteilungen zusammen und wird ergänzt durch Bereiche, die früher ent- weder erst später im Entwicklungsprozess hinzugekommen sind oder gar ganz außen vor waren. Marketing und IT sind hier zu nennen, aber auch Vertreter aus dem eigenen Produktionsbereich. In diesem Team wollen wir vor allem Themen aufgreifen, die über die reine Hardware hinausgehen. Das Ziel ist, Mehrwerte für Produkte zu schaffen, Prozesse zu verbessern und neue Geschäftsmodelle zu generieren. Die Basis unserer Innovationskultur ist Ver- trauen. Wir vertrauen unseren Mitarbeitern und bieten ihnen viel Freiraum, um selbstständig zu handeln, Aufgaben gemeinsam zu lösen und innovative Ideen zu entwickeln.

Woran arbeitet derzeit Ihre F&E-Abteilung? Gibt es in Ihrem Portfolio noch weiße Flecken?

Andreas Thiel: Wir ruhen uns jetzt natürlich nicht aus, sondern sind permanent dabei, unser Produktportfolio noch stärker abzurunden und optimal aufeinander abzustimmen, gerade im Hinblick auf unser Gesamtsystem.

Da wir das komplette fachliche Know-how in Sachen Mechanik und Elektronik bei Stöber unter einem Dach vereinen und sämtliche Systemkomponenten aus einer Hand konstruieren und fertigen, sind wir ständig ›in Bewegung‹, wenn es um zukunftsweisende Ideen, technologische Neuerungen und damit die Weiterentwicklung oder auch die Implementierung dieser Neuerungen in unsere Produkte geht. Auch in Sachen Digitalisierung, wie Herr Stöber schon sagte, sind wir dabei, Mehrwerte für unser gesamtes Portfolio zu schaffen und unsere bestehenden Prozesse zu analysieren und Konsequenzen aus diesen Analysen abzuleiten, um die gesamte Prozesskette zu verbessern.

Industrie 4.0 und Digitalisierung gehören zu den derzeit vorherrschenden Themen. Wie stellt sich diese Herausforderung für Sie respektive Stöber konkret dar?

Patrick Stöber: Digitalisierung ist für mich umfassender, Industrie 4.0 ein Teil davon. Nicht mehr und nicht weniger. Sie merken an meiner Formulierung schon, dass ich mit ›Industrie 4.0‹ nicht glücklich bin. Wie man bereits an der Schreibweise sieht, ist das ein deutscher Begriff und verkörpert auch einen sehr ingenieurwissenschaftlichen und produktionstechnischen Ansatz. Das ist zu kurz gegriffen. Wir haben bei uns im Haus eine Digitalisierungsstrategie implementiert und im Rahmen dieser mehrere Handlungsfelder fokussiert. Dazu zählen Achsdigitalisierung sowie Produkt- und Produktionsdaten. Sie repräsentieren am ehesten Industrie 4.0. Es gehören aber auch weitere Handlungsfelder dazu. Diese sind die Customer Journey, unter der wir das Hinzufügen und die Optimierung digitaler Berührungspunkte eines Kunden mit unserem Unternehmen verstehen, E-Commerce, Kommunikation und Kollaboration. Damit adressieren wir die wesentlichen Aspekte unseres Unternehmens und haben uns auf die Fahnen geschrieben, deren Digitalisierung voranzubringen.

»Als Familienunternehmen legen wir besonderen Wert auf enge Beziehungen und einen vertrauensvollen Umgang miteinander.«

— Patrick Stöber, Stöber Antriebstechnik

Ein guter Draht zu Forschung und Lehre ist bei der Digitalisierung sicherlich von Vorteil. Gibt es Beteiligungen an universitären Start-ups?

Andreas Thiel: Stöber unterstützt als Platinsponsor seit Jahren die ›Rennschmiede‹ der Hochschule Pforzheim, eine Gruppe von Studenten, die mit selbst konstruierten und gebauten Rennwagen regelmäßig an dem internationalen Konstruktionswettbewerb Formula Student Electric teilnimmt und europaweit Rennen bestreitet. Unser Sponsoring geht dabei aber weit über das Finanzielle hinaus. Da die Rennwagen elektrisch angetrieben werden, stellen wir seit diesem Jahr die komplette Antriebstechnik sowie jede Menge fachliches Know-how, um die Studenten mit »Strom im Blut« erfolgreich auf den Weg zu bringen. Wir wollen den Racecar natürlich bei seinem ersten Rennen in Hockenheim auf den vorderen Plätzen sehen.

Sie betreiben einen eigenen YouTube-Kanal. Er läuft seit neun Jahren und umfasst derzeit 70 Videos und hat etwas mehr als 200 Abonnenten. Inwiefern nutzen Sie die sozialen Medien zur Kommunikation mit Ihren Kunden?

Patrick Stöber: Videos werden als Kommunikationsmedium immer wichtiger. Hierfür haben wir mit unserem YouTube-Kanal bereits eine gute Basis geschaffen und wenige, jedoch qualitativ ebenso wie informativ hochwertige Videos zu den unterschiedlichsten Themen rund um Stöber online gestellt.

Millennials befinden sich mehr und mehr im Berufsleben, was die Wichtigkeit der Kommunikation über soziale Medien gravierend erhöhen wird. Wir sind momentan dabei, unser Social- Media-Engagement deutlich zu steigern, um diesem Umstand gerecht zu werden – jedoch setzen wir auch weiterhin auf ›Klasse statt Masse‹.

Welche Firmenkultur kommunizieren Sie, um möglichst attraktiv für Facharbeiter und Studienabsolventen zu sein?

Patrick Stöber: Als Familienunternehmen legen wir besonderen Wert auf enge Beziehungen und einen vertrauensvollen Umgang miteinander. Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Wir schaffen Freiräume für Ideen und setzen uns für das Wohlergehen unserer Mitarbeiter ein. Darauf sind wir stolz und kommunizieren das auch.

In unserer Region stehen wir im Wettbewerb mit vielen Großunternehmen, die teilweise Benefits bieten können, die ein familiengeführtes, mittelständisches Unternehmen rein finanziell nicht stemmen kann. Wir können aber durch unser familiäres Betriebsklima und die bereichsübergreifende Teamarbeit punkten und stellen fest, dass genau dieser Spirit in unserer Gesellschaft für viele Bewerber hochattraktiv ist.

»Unsere neuesten Antriebs-lösungen sind in ihrer Vielseitigkeit die kompaktesten auf dem Markt.«

— Andreas Thiel, Stöber Antriebstechnik

Noch ein paar private Fragen zum Schluss. Auf welchem Niveau sehen Sie Ihre private digitale Transformation? Leben Sie im smarten Home?

Patrick Stöber: Mich haben digitale Themen schon immer sehr interessiert und ich habe den Ehrgeiz, so lange wie möglich mit meinen Kindern und deren Freunden bezogen auf den Umgang mit digitalen Medien mithalten zu können. Meine persönliche digitale Transformation würde ich also als auf einem relativ guten Niveau sehen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich tatsächlich in einem smarten Home lebe.

Andreas Thiel: Der privaten digitalen Transformation sollte man sich nicht entziehen, ganz abgesehen davon, dass das auch nur schwer möglich sein wird. Beispielsweise ist die Nutzung des Internets heute eine Selbstverständlichkeit, auf die keiner mehr verzichten kann. Nicht alles, was an digitalen Technologien für die private Nutzung entwickelt wird und auf den Markt kommt, muss für einen selbst sinnvoll und notwendig sein. Aber ein wertfreies Interesse und eine gewisse Neugier an den neuen Technologien sollte man schon aufbringen, um sich ein eigenes Urteil darüber bilden zu können und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man was am besten nutzt.

Welche Hobbys verfolgen Sie, um die inneren Batterien wieder aufzuladen?

Patrick Stöber: Meine Batterien lade ich am liebsten beim Sport in der Natur auf: im Sommer auf dem Mountainbike durch den Schwarzwald und im Winter gerne auch beim Skifahren im Gebirge.

Andreas Thiel: Nichts Digitales, sondern Bewegung bis zur absoluten Erschöpfung – sei es Ausdauersport, Skifahren, Wind- oder Kitesurfen. In diesem Sinne – ein analoges ›Hang Loose‹.