Geklebt, nicht gestopft

Kleben - Das Verschließen von Löchern während des Produktionsprozesses einer Karosserie ist für Automobilbauer eine ergonomische Herausforderung. Statt Stopfen möglichst passgenau in Karosserielöcher zu pressen, bietet Tesa eine Klebeband-Lösung an – auch mit Robotern.

30. Oktober 2019
Geklebt, nicht gestopft
Während ein Stopfen exakt zum jeweiligen Loch passen muss, lassen sich mit einer Stanzteilgröße unterschiedlich geformte Löcher vollständig abdecken. (Bild: Tesa)

In der auf Effizienz getrimmten Automobilindustrie ist das erklärte Ziel, immer mehr Prozesse zu optimieren, sodass sie fast wie von selbst (griech.: »auto«) ablaufen. Außerdem sollen die Mitarbeiter bei ergonomisch unvorteilhaften Arbeitsabläufen möglichst entlastet werden. Große Auswirkungen verspricht ein neues Automatisierungskonzept für das Verschließen kleiner Löcher, ein Pilotprojekt des Technologiekonzerns Tesa.

Lebenslang miteinander verbunden

Ein künftiger Neuwagen, der fast wie ein Schweizer Käse durchlöchert ist? Mancher Laie wundert sich, wenn er zum ersten Mal in der Produktionsstraße ein »nacktes« Fahrzeug sieht. Denn bis zu 220 Löcher befinden sich in der Karosserie. Die Gründe dafür sind vielfältig: So gibt es beispielsweise Gewinde- und Bohrlöcher.

Andere Öffnungen ermöglichen die Montage schwer zugänglicher Bauteile, dienen Transportzwecken im Fertigungsprozess oder werden während der kathodischen Tauchlackierung (KTL) benötigt, damit der Lack überall hin- respektive abfließen kann, um so einen lückenlosen Korrosionsschutz zu gewährleisten. In einigen Fällen sind die Löcher zwar nur temporär, meist jedoch dauerhaft wieder zu verschließen, bevor das Fahrzeug die Werkshalle des OEM verlässt. Würde dies nicht erfolgen, könnte später Feuchtigkeit oder Schmutz in kleine Hohlräume eindringen und die Karosserie schädigen. Außerdem käme es durch Fahrtwind zu Luftverwirbelungen und unerwünschten Geräuschen.

Milliarden Löcher zu stopfen

Insgesamt beläuft sich die Zahl der jährlich abzudeckenden Löcher, Hole Covering genannt, in der Automobilindustrie weltweit auf rund zehn Milliarden. In den vergangenen Jahren wurden hierfür immer häufiger selbstklebende Stanzteile (Die-Cuts) verwendet, die gegenüber herkömmlichen Stopfen aus Kunststoff, Gummi oder Metall zahlreiche Vorteile aufweisen.

Zum einen lassen sich unterschiedlich breite respektive geformte Löcher mit einer Stanzteilgröße abdecken. Wichtig ist lediglich, dass an den Rändern ein Mindestmaß an Verklebungsfläche zur Verfügung steht. Im Gegensatz dazu müssen Stopfen immer passgenau sein. Dieser Pluspunkt von Die-Cuts reduziert die Komplexität und spart Zeit. Zum anderen ist das »Löcher-Stopfen«, das sich nur mit erheblichem Aufwand teilautomatisieren lässt, ein überaus personal- und kraftintensiver Vorgang. Deshalb hat Tesa, die seit vielen Jahren unterschiedliche Klebeband-Lösungen für den globalen Automotive-Markt anbietet, zusammen mit einem Technologiepartner einen Roboterkopf entwickelt. Dieser kann für alle in der Automobilindustrie eingesetzten Robotersysteme adaptiert werden und die Klebestanzteile voll automatisiert aufbringen. Neben einer signifikanten Zeitersparnis kommt dies vor allem jenen Mitarbeitern zugute, die bislang an oftmals schwer erreichbaren Stellen ergonomische Herausforderungen inklusive Daumen-, Schulter- und Nackenschmerzen zu meistern hatten.

»Zurzeit befindet sich der Roboterkopf mit unseren Stanzteilen für die Lochabdeckung bei ausgewählten Automobilherstellern in der Pilotphase und wird dort für den Einsatz in der Serienproduktion getestet«, berichtet Dr. Ute Ellringmann, Senior Product Manager Business Unit Tesa Automotive. Dr. Norman Goldberg, Tesa-Vorstand Direct Industries, sieht den »Piloten« als gelungenes Beispiel, wie die Klebetechnologie einen wichtigen Beitrag im Rahmen von Industrie 4.0 leisten kann: »Gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln wir innovative Lösungen, die ihre Produktionsprozesse optimieren und so Mehrwert schaffen.«

Weil jedes Gramm zählt

Darüber hinaus können die Klebestanzteile mit einem weiteren Vorteil punkten. Sie sind etwa 85 Prozent leichter als herkömmliche Stopfen. Das spart bei 220 Löchern in der Karosserie etwa 100 Gramm Gewicht. Das klingt wenig, stellt jedoch eine wesentliche Anforderung der Automobilindustrie dar, wenn es um das Thema Spritsparen bei »Benzinern« beziehungsweise Reichweite bei E-Mobilen geht. Denn hier zählt jedes Gramm.

Erschienen in Ausgabe: 07/2019
Seite: 28 bis 29