»Human Capital wird kostbar«

Helmut Schmid - Dem Geschäftsführer von Universal Robots (UR) Deutschland ist Aufklärung über Cobots ein Anliegen. Er sprach mit Redakteurin Marie Christin Wiens über Entwicklungen und Märkte.

02. September 2019
»Human Capital wird kostbar«
(Bild: automation/ok)

Herr Schmid, Sie sind seit 2016 Geschäftsführer bei UR Deutschland. Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie gestartet sind?

Wir sind ein mittlerweile erwachsen gewordenes Start-up-Unternehmen, seit etwas mehr als zehn Jahren auf dem Markt. Dass nach dieser Zeit die Leidenschaft für das Produkt und für das Marktumfeld noch so groß ist und jeder mit Nachdruck dabei ist, den Markt zu bearbeiten, zu entwickeln und voranzutreiben, das hat mich sehr stark begeistert. Man nimmt den Drive der Robotik mit, lebt das als Team. Dieses Miteinander, dieser Spirit, ist begeisternd. Das ist aber auch notwendig, um das starke Wachstum und die Entwicklung voranzutreiben. Ich glaube, das zeichnet uns aus.

Sie sind vorher im Automobilbereich tätig gewesen, zuletzt bei Webasto. Welche Erfahrungen aus diesem Bereich helfen Ihnen denn im jetzigen Job?

Erstens hatte ich bei Webasto die Chance und die Möglichkeit, unterschiedliche Aufgaben zu übernehmen. In den letzten zehn, 15 Jahren habe ich dort Geschäfte neu aufgebaut und entwickelt. Ich habe das Geschäft in der Schweiz aufgebaut und saniert. Ich habe für die Region Zentral- und Osteuropa neue Gesellschaften gegründet. Dies sind genau die Themen gewesen, für die man mich bei Universal Robots gesucht hat: eine deutsche Gesellschaft neu zu gründen und aufzubauen – die gab es ja bis zu meinem Start nicht – den Markt zu bearbeiten, Strukturen aufzubauen.

Apropos Strukturen – das ist auch gleich der zweite Punkt, den ich hier ansprechen möchte: Die Automobilindustrie ist sehr stark prozessorientiert. Ein Start-up-Unternehmen besitzt diese Eigenschaft nicht.

Wir sind in den vergangenen drei Jahren pro Jahr um gut 50 Prozent gewachsen – sowohl an Umsatz als auch an Mitarbeitern. Je mehr man wächst, desto notwendiger wird es, entsprechende Strukturen einzuführen. Jetzt benötige ich noch keine Siemens-, BMW- oder Webasto-Strukturen, sondern ich benötige bestimmte Strukturen und Prozesse, die sich mitentwickeln. Und das sind Themen, bei denen mir mein Erfahrungshintergrund aus der Automobilindustrie und bei meinem vorherigen Arbeitgeber geholfen hat, uns in diesem Bereich weiterzuentwickeln.

Was für Strukturen haben Sie zum Beispiel eingeführt?

Wir haben den kompletten Vertriebskanal strukturiert und organisiert. In der Vergangenheit hatten wir einen sogenannten einstufigen Vertriebskanal. Wir haben nun einen sogenannten zweistufigen Vertriebskanal mit Distributoren und darunter ein Integratorennetzwerk. Wir verfolgen außerdem den Ansatz eines, ich nenne es jetzt einmal, Vertriebsreporting light. Da wir sehr stark wachsen, ist es wichtig, auch Themen wie Forecast, Planung und so weiter im Auge zu behalten.

Wie schätzen Sie die Marktsituation für Robotik-Themen ein?

Als sehr interessant. Es gibt unterschiedliche statistische Auswertungen über die nächsten Jahre, dass der Robotikmarkt und insbesondere der Leichtrobotikmarkt um 50 bis 60 Prozent wachsen wird. Das ist auch ein Grund dafür, warum mehr und mehr Wettbewerber versuchen, in den Markt einzutreten. Warum sich der Markt entwickelt? Weil sich der große Bereich der kleinen und Mittelstandsunternehmer mit dem Thema Automatisierung auseinandersetzen muss. Heute bedienen wir vielleicht ein bis zwei Prozent des deutschen Mittelstandes. Morgen sind es drei, vier und fünf. Hier genau liegt das Potenzial.

Wie stellen Sie sich auf die veränderten Marktbedingungen und den zunehmenden Wettbewerb ein, um erfolgreich zu bleiben?

Universal Robots hat als Marktführer den An- spruch an sich selbst, Marktführer, Innovationsführer und -treiber zu sein und bleiben zu wollen – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass es mittlerweile Wettbe- werber gibt. Wir haben über die vergangenen Jahre den Markt mehr oder weniger alleine bearbeitet. Je mehr Aufklärungsarbeit leisten, desto schneller wird aus den zwei, drei, fünf Prozent eine größere Anzahl, desto schneller ist auch die deutsche Industrie sicher aufgestellt.

Die Hahn Group hat Ende 2018 die Robotertechnologie von Rethink Robotics als einem Wegbereiter im Bereich der kollaborativen Robotik übernommen. Wie sehen Sie das Thema, und was können Sie daraus lernen?

Daraus zu lernen ist natürlich gerade für uns als Marktführer wichtig. Man darf nie stehen bleiben, sich nie auf den eigenen Lorbeeren ausruhen. Ich kenne natürlich die Details zu Rethink und Hahn nicht, aber wenn so etwas passiert, sind meist irgendwelche Themen im Hintergrund nicht gut gelaufen. Das lässt uns schon aufhorchen. Auch wenn du Marktführer bist, darfst du nicht vergessen, dass sich um dich herum das Marktumfeld ändert. Dass du eben nach wie vor in Innovation und Technologie investieren musst und darauf achtest, was sich am Markt tut. Und daraus die eigene Strategie generieren. Man muss sich nicht nach dem Wettbewerber ausrichten, aber man muss ein Auge darauf haben, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Aus welchen Gründen ist Ihnen die Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft so wichtig?

Aus mehreren Gründen. Ich komme aus der Babyboomer-Generation, in zehn Jahren von heute an werden ich und ein Großteil der Bevölkerung in den Vorruhestand gehen. Bis dahin werden wir in Deutschland circa 3,5 Millionen fehlende Arbeitskräfte haben. Da stellt sich die Frage nicht, ob der Arbeitsplatz wegrationalisiert wird. Wir müssen automatisieren. Die einfachen Tätigkeiten sollen Roboter ausführen: dort, wo wir heute so viele Ressourcen an Mitarbeitern verbrennen. Das Human Capital wird so kostbar in Deutschland werden, dass wir vernünftige Ausbildungen brauchen. Man muss in der Schule beginnen, die junge Generation an Technik heranzuführen.

Wir machen Seminare für Schüler, aber das reicht nicht. Das ist eine primäre Aufgabe der Politik und des Bildungssystems. Hier haben wir massiven Handlungsbedarf. Man braucht nicht nur Juristen, die MINT-Fächer wird man künftig brauchen. Dorthin muss sich das Ausbildungssystem entwickeln. Deswegen kämpfe ich so dafür, dass wir diesen Transformationsprozess als deutsche Gesellschaft in Europa bestehen, auch gegenüber China und den USA. Denn dieser Wettbewerb wird final entschieden über das, was wir im Kopf haben, nicht über das, was wir mit den Händen machen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für den Robotikmarkt, speziell bei Cobots?

Ich sehe mehr Chancen, aus zwei Gründen: Wir haben europaweit mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Ein Roboter kann monotone Tätigkeiten von Mitarbeitern übernehmen. Diese kann ich für Aufgaben in der Produktion weiterqualifizieren, für die ich Arbeitskräfte suche. Einem Roboter ist es egal, ob er acht, 16 oder 24 Stunden arbeitet. Monotone Tätigkeiten wird er wahrscheinlich präziser, besser, ausdauernder ausführen.

Zweitens bietet die Wirtschaftslage den KMU einige Herausforderungen. Sie müssen die Produktivität erhöhen, Kosten reduzieren, ihre Qualität verbessern. Hier hilft der Einsatz von Robotern, insbesondere da man nicht die komplette Produktion ändern muss. Viele Unternehmen, die 30, 40, 50 Jahre alt sind, haben gewachsene Betriebsstrukturen. Da hat man keine großen Möglichkeiten für Änderungen. Wenn Sie sich unseren Roboter anschauen, der steht auf rund einem Quadratmeter – mehr Raum brauchen Sie in der Regel nicht in einem bestehenden Produktionsprozess. Und er wiegt ungefähr 30 Kilo, die kriegt man schnell von A nach B. Einen Quadratmeter Platz, um einen Roboter zu positionieren und diesen flexibel heute an Position A und morgen an Position B einzusetzen, das ist machbar.

Um auf die wirtschaftlichen Herausforderungen zu reagieren, kann ich theoretisch Mitarbeiter entlassen. Ich kann nach Polen oder Tschechien gehen. Oder ich investiere in Robotik, erhöhe die Produktivität. Eine Roboterstunde kostet in München, in Berlin, in China überall dasselbe.

Und das ist eigentlich die Chance und Herausforderung, vor der wir stehen, Aufklärungsarbeit zu betreiben, damit der Mittelstand wirklich versteht: Es gibt für dein Problem eine Lösung, die du leisten kannst, die du finanzieren kannst und für die du keine Spezialisten brauchst.

Sie haben einmal gesagt, es geht nicht darum, einen Arbeiter zu ersetzen, sondern ihm seinen Arbeitsplatz zu sichern. Wie genau erreichen Sie dies denn zum Beispiel mit kollaborativen Anwendungen?

Ein Beispiel wäre die Firma FME Feinmechanik in der Schweiz: ein typischer kleiner Mittelständler, der unterschiedlichste Komponenten herstellt. Die Schweiz ist ein Hochpreisland: Das Unternehmen steht massiv unter Druck, Kosten zu optimieren, um wettbewerbsfähig zu sein. Aus diesem Grund hat sich der Mittelständler zwei Roboter angeschafft, um A den Menschen von monotonen Tätigkeiten zu entlasten und um B diesen Roboter flexibel auf einer Plattform auf unterschiedlichen Positionen einzusetzen.

Ergebnis war, dass sie damit die Produktivität erhöht haben; das Unternehmen konnte seine Kosten reduzieren. Dadurch konnten sie bessere Angebote abgeben. Durch bessere Angebote konnten sie mehr verkaufen.

FME musste sogar sein Team vergrößern: Die beiden Roboter haben im Prinzip dem Unternehmen geholfen, durch die Erhöhung der Produktivität Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist eigentlich die Idee hinter den sogenannten Leichtbau-Robotern: Der Roboter soll mit dem Menschen zusammenarbeiten, er soll ihn unterstützen, aber nicht ersetzen.

Aus welchen Gründen sollten Firmen Geld für kollaborative Robots ausgeben?

Im Verständnis eines KMU ist Automatisierung teuer. Hier liegt unsere Aufklärungsarbeit. Das Tolle am Produkt von Universal Robots ist, dass es sehr einfach zu bedienen und programmieren ist. Du bekommst heute von uns eine technische Lösung, die sich in der Regel zwischen sechs und neun Monaten amortisiert, bei der du keinen Roboterspezialisten brauchst. Du hast deinen Facharbeiter, du hast deinen Werksleiter, du hast deinen Vorarbeiter, der kann über ein einfaches Training den Roboter bedienen. Du kannst auf dein Stammpersonal zurückgreifen, ohne groß in Schulung zu investieren.

Wo liegen Schwerpunkte von Universal Robots im Bereich Forschung und Entwicklung?

Auf der automatica 2018 haben wir die Geräte- familie e-Series vorgestellt, auch als neue Plattform. Diese wollen wir vierteljährlich mit Software-Features bereichern: dem Roboter Mehrwert und Capabilities mitgeben, die ein Mitarbeiter nicht kompliziert programmieren muss. Der komplette Trend wird von der Hardware zur Software gehen.

Helmut Schmid, Universal Robots

Außerdem wollen wir die Peripherie und Infrastruktur erweitern. Rund um unseren Roboterarm, für den wir als Unternehmen stehen, soll ein in sich geschlossenes Ökosystem entstehen, in dem die Interoperabilität zwischen den einzelnen Komponenten, zum Beispiel zwischen Roboterarm, Greifer, Kamerasystem und künstlicher Intelligenz, gegeben ist. Dieses Ökosystem ist unsere UR+-Plattform, eine Entwicklerplattform. Wir bieten damit eine offene Schnittstelle. Die Produkte der Unternehmen prüfen wir, ob sie wirklich funktionieren. Wir zertifizieren sie, sie bekommen ein UR+-Siegel. Momentan haben wir hier über 300 Projekte in der Pipeline.Final steht die Vision des Do-it-yourself für den Endkunden: Der Roboter soll ein Werkzeug sein, einfach wie ein Hammer. So einfach wie im Baumarkt holen sie sich den Greifer, die Kamera, die KI, stecken sich das zusammen und können loslegen.

Das ist die Vision: Es einfach zugänglich, flexibel und bedienbar machen. Daher ist Usability das Thema Nummer eins.

Was würden Sie denn grundsätzlich als wichtigste Punkte einem KMU mit auf den Weg geben wollen, das sich für Cobots interessiert?

Der Mensch neigt dazu, sich die komplexen Themen als Allererstes auszusuchen, weil dort die Probleme für ihn offensichtlich sind. Das Ergebnis: Es dauert lange, es wird teuer. Die erste Empfehlung ist also, durch die Produktion zu gehen, zu schauen, wo habe ich monotone, einfache Tätigkeiten? Beginne damit. Dann kannst du deine Mitarbeiter an das Thema heranführen.

Die zweite Empfehlung: dem Mitarbeiter von Anfang an Ängste nehmen, ihn mit ins Boot holen. Dass man sagt, ja, wir investieren in Robotik, aber dein Arbeitsplatz ist nicht gefährdet, du wirst künftig eine bessere Arbeit machen oder deine Arbeit wird erleichtert. Und die dritte ist, dass man dort beginnt, wo in einem bestehenden Arbeitsumfeld ohne große Änderungen des Produktionsprozesses der Roboter integriert werden kann.

Welche ethischen Grundsätze sind für Sie im Zusammenhang mit Robotern und künstlicher Intelligenz wichtig?

Ich denke, dass ethische Grundsätze ganz wichtig sind, insbesondere wenn wir den nächsten Schritt in Richtung künstlicher Intelligenz gehen. Denn für mich ist der Roboter ein Tool, ein Werkzeug, um dem Menschen zu helfen und ihn zu unterstützen. Ich verstehe ihn nicht als Tool, um Menschen zu ersetzen. Dies gilt in der Kombination mit künstlicher Intelligenz noch viel mehr.

Der Mensch darf ethisch gesehen nie die Verantwortung aus der Hand geben. Er muss in diesem Zusammenhang derjenige sein, der über die künstliche Intelligenz, der über die Robotik und der über das System herrscht.

Ich denke, es sollte ethische Richtlinien geben, für welche Zwecke man diese Technologien einsetzt und für welche man sie definitiv nicht einsetzt.

Der Mensch muss die letzte Instanz sein, um genau an solchen Themen zu arbeiten. Denn dafür sind wir als Menschen da. Wir haben so viele tolle Eigenheiten, was die Mentalität, was die Intelligenz angeht. Das dürfen wir nicht aus der Hand geben.

Infobox

Vita

Helmut Schmid

- Er ist seit Februar 2016 General Manager Western Europe bei Universal Robots. Unter seiner Führung erfolgte im Herbst 2016 die Gründung der Universal Robots (Germany) GmbH, deren Geschäftsführer er ist.

- Neben der Position des Geschäftsführers für Webasto Schweiz war er zuletzt bei Webasto Thermo & Comfort SE als Direktor für die Region Zentral- und Osteuropa tätig, wo er die Leitung von zehn Landesgesellschaften innehatte.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 10 bis 13