Im konstanten Lernmodus

Dr. Frank Theilen, Dr. Michael Britzger - Der Vice President Digital Transformation und der Senior Manager Digital Transformation bei Emerson Automation Solutions legen im exklusiven Interview mit Redakteur Oliver Krüth die Herausforderungen bei der digitalen Transformation dar.

19. November 2019
Im konstanten Lernmodus
(Bild: Jasmin Lindenthal, Fotostudio Querformat)

Herr Dr. Theilen, Aventics wurde im Juli vergangenen Jahres von Emerson übernommen. Ein weltbekannter Automatisierer kauft einen Spezialisten von pneumatischen Lösungen. Das klingt auf den ersten Blick sehr naheliegend. Da sich pneumatische Anwendungen zwar gut automatisieren, aber weniger gut digitalisieren lassen als auf anderen Technologien basierende Anwendungen, scheint auf die bei Emerson für die digitale Transformation Verantwortlichen eine Herkulesaufgabe zu warten. Wie stellt sich diese Herausforderung für Sie konkret dar?

Dr. Frank Theilen: Unsere bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass ein zentraler Erfolgsfaktor die frühzeitige Einbindung der Kunden ist. Gemeinsam mit den Kunden erarbeiten wir, welche Mehrwerte auf Kundenseite durch digitale Pneumatik-Services erreicht werden können. Auf Basis dieser Abstimmungen priorisieren wir dann unsere Aktivitäten. Das ist für uns ein schrittweiser Prozess, mit dem wir bereits sehr gute Erfolge erzielen konnten.

Können Sie sagen, welche Pläne Emerson mit Aventics mittel- bis langfristig verfolgt? Was geschieht mit der Brand?

Dr. Frank Theilen: Die Aktivitäten von Aventics finden sich bei Emerson in dem Bereich Fluid Control & Pneumatics wieder. Neben der Marke Aventics sind dort die Marken Asco, Tescom und Topworx beheimatet, die sich auf Fluid Control (Asco), Precision Fluid Control (Tescom), Position Sensing & Indication (Topworx) und Pneu- matics (Aventics) fokussieren. In der Außendarstellung wird Emer- son weltweit als Unternehmensname verwendet, Aventics hin- gegen als sogenannte Signature-Brand am Markt vertreten sein.

Altkanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.« Für die digitale Transformation sind strategische Visionen meines Erachtens aber ein Stück weit unerlässlich. Welche digitale Infrastruktur und welche digitalen Anwendungen sollen bei Emerson die digitale Transformation vorantreiben?

Dr. Frank Theilen: Um die Zukunft zu gestalten, sind auf der einen Seite Visionen oder Ziele unerlässlich. Tatsächlich sind aber auf der anderen Seite viele Digitalisierungsaktivitäten mit Lösungen verknüpft, die wir bereits genutzt haben, bevor es den Begriff der digitalen Transformation überhaupt gab. Als Beispiel möchte ich hier unsere Online-Konfiguratorplattform nennen. Im Hinblick auf die Infrastruktur nutzen wir gängige Standards und Anbieter wie etwa Microsoft Azure.

Dr. Michael Britzger: Auf der Technologieseite versuchen wir, die Organisation als Ganzes in einen konstanten Lernmodus zu versetzen. Deshalb wenden wir unsere Industrial-Internet-of- Things-Neuerungen auch konsequent in unseren Werken und der eigenen Produktion an – von der datengetriebenen Prozessverbesserung bis zu Augmented-Reality-Anwendungen. So verknüpfen wir die verschiedenen Bereiche und stellen sicher, dass Neuerungen immer auch kommuniziert und weitergedacht werden.

Daran schließt sich gleich die Frage nach den Verwertungspotenzialen an. Welche digitalen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsnetzwerke haben Sie bereits entwickelt und was können Ihre Kunden noch erwarten, sagen wir in den nächsten zwei Jahren? Können Sie vielleicht auch verraten, was beispielsweise noch nicht funktioniert hat?

Dr. Michael Britzger: Mit unserem IIoT Edge Gateway, dem Aventics Smart Pneumatics Monitor, SPM, gehen wir hier bereits seit einiger Zeit mit dem aktuellen Trend in der Automationsindustrie. Mit diesen hybriden Cloud-Edge-Architekturen können wir flexible Lösungen anbieten, indem wir Betriebszustandsdaten erfassen und diese analysieren. Die so generierten Informationen er- möglichen dann unterschiedliche Mehrwerte, wie Anomaliedetektionen bei Systemen oder eine zustandsorientierte Instandhaltung. Für die Weiterentwicklung der Plattform und auch für das IIoT-Produktportfolio operieren wir dabei sehr nah im Kundenumfeld, um schnelle und individuelle Lösungen gemeinsam zu erarbeiten. Natürlich beschäftigen wir uns auch aktiv mit anderen Themen wie dem Digitalen Zwilling.

Vita

Dr. Michael Britzger

- geboren 1979 in Marktoberdorf

- Studium der Wirtschaftswissenschaften, Universität Stuttgart-Hohenheim & Universität Wien (1999 bis 2002)

- Studium Allgemeine Physik, Universität Hannover & Universidad de Salamanca (2002 bis 2007)

- Promotion in Allgemeiner Physik an der Universität Hannover und am Max-Planck-Institut für experimentelle Gravitationsphysik (2012)

- Director Projects & Assistant to the Board; Deutscher Mittelstand (2013 bis 2016)

- Global Program Office Manager, Aventics (2016 bis 2017)

- Senior Manager Digital Transformation, Aventics (2017 bis 2018)

- seit Mitte 2018 bei Emerson Automation Solutions in dieser Rolle

Wem gehören beispielsweise die von Ihnen generierten Daten? Ihnen, dem Anwender, dem Cloud-Betreiber respektive Big-Data-Center, der/das aus den erhobenen Daten valide Informationen erstellt, oder präferieren Sie eine andere Verwertung, etwa per Blockchain?

Dr. Frank Theilen: Die Daten gehören unseren Kunden. Bei Interesse können wir diese Daten aber nutzen, um beispielsweise Leckagen zu messen. Wir nutzen Technologien, um spezifische Kundenanforderungen technisch umsetzen zu können. Blockchain spielt für uns aktuell allerdings keine Rolle.

Wo stehen Sie derzeit technologisch? Reden wir über die erste Transformationswelle, bei der es um einen besseren Kundenkontakt und Effizienz geht, also um Technologien wie Cloud, Mobile, Social Media und Analytics? Oder fokussieren Sie sich bereits auf die zweite Technologiewelle, in der neue Basistechnologien wie Künstliche Intelligenz, Machine Learning, IoT, Robotik, 3D-Druck und Blockchain eingeführt werden?

Dr. Frank Theilen: Die von Ihnen angesprochenen Aspekte aus der ersten Transformationswelle werden bei Aventics mittlerweile fast alle eingesetzt. Abgesehen von Mobile setzen wir im E-Business seit etwa zwei Jahren digitale Marketingkampagnen ein, die auch Social Media und Data Analytics umfassen. Aber auch Cloud-Dienste werden seit Jahren verwendet. Größtes Einzelthema ist hier Office 365, das wir mittlerweile weltweit einsetzen. Aber auch in den Fachbereichen, beispielsweise Finance, greifen wir immer stärker auf cloud-basierte Lösungen zurück.

»Auf der Technologieseite versuchen wir die Organisation als Ganzes in einen konstanten Lernmodus zu versetzen.«

— Dr. Michael Britzger, Senior Manager Digital Transformation bei Emerson Automation Solutions

Dr. Michael Britzger: Im Hinblick auf die zweite Technologiewelle beschäftigen wir uns aktiv mit Themen wie Machine Learning. Nachdem wir zuerst Wege finden mussten, wie wir überhaupt Daten auf Basis unserer Produkte generieren, geht es nun darum, die Datenbasis zu erweitern, um dann auch im interoperablen Bereich verschiedener Komponenten von unterschiedlichen Herstellern dem Kunden einen Mehrwert bieten zu können. Auch die additiven Verfahren verfolgen wir seit Jahren für die Forschung und nun auch vermehrt für mögliche Produktanwendungen im Metalldruck. Zusätzlich arbeiten wir natürlich mit cloud-basierten Services und starten beispielsweise aktuell auch die ersten Datenarchitekturen mit Microsoft Azure.

Die digitale Transformation ist nicht nur eine Herausforderung für das Management, sondern auch für die Mitarbeiter. Deren kontinuierliche Weiterbildung spielt hier sicherlich eine zentrale Rolle. Wie gehen Sie diese Aufgabe an, intern oder mit externen Dienstleistern?

Dr. Frank Theilen: Für uns spielen externe Dienstleister in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Denn im Hinblick auf neue Themen sind wir immer auch auf externes Know-how angewiesen.

Dr. Michael Britzger: Generell ist aber durch die Technologisierung der Gesellschaft und durch die immer intuitiver nutzbaren Anwendungen die Eintrittshürde für neue Technologien drastisch gesunken. Wo wir vor ein paar Jahren noch große Rollouts projektiert haben, finden sich heute für erste Use-Cases schnell ein paar Begeisterte, die sich aus Eigeninteresse mit dem Thema beschäftigen wollen. Da treffen dann manchmal durchaus auch zwei Welten aufeinander, wenn im ersten Meeting der eine Mitarbeiter bereits die ersten fünf YouTube-Tutorials angeschaut hat und der andere Mitarbeiter im Kalender einen Platz für die dreitägige Schulung sucht.

Haben Sie in Ihrer Arbeitsorganisation Anpassungen vorgenommen, um etwa Innovationen oder Intrapreneure im Unternehmen zu fördern und in den Prozess der digitalen Transformation besser einbinden zu können?

Dr. Frank Theilen: Es gibt selektive Anpassungen, die mit der Einführung von agilen Arbeitsweisen zusammenhängen. Durch diese neuen Arbeitsmethoden findet auch eine stärkere Mitarbeitereinbindung statt.

Vita

Dr. Frank Theilen

- geboren 1972 in Jever

- Studium der Wirtschaftswissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (1997 bis 2000)

- Promotion über digitale Konvergenz, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (2001 bis 2003)

- Principal bei der Droege Group (2004 bis 2010)

- Partner bei der m3 management consulting GmbH (2010 bis 2015)

- seit 2013 externer Managementberater für Aventics

- Director Group IT Applications and Infrastructure bei Aventics (2016 bis 2017)

- seit Mitte 2017 Vice President Digital Transformation bei Aventics

- seit Mitte 2018 bei Emerson Automation Solutions in dieser Rolle

Dr. Michael Britzger: Die Veränderung geht natürlich auch im Kundenumfeld weiter. Da wir als Komponentenlieferant oft nur wenig über die eigentlichen Anwendungen unserer Produkte wissen, ist es für uns ein zentrales Thema geworden, vertieftes Prozesswissen über die Kundenanwendungen zu erlangen. Daher arbeiten wir gerade im Bereich der neuen Technologien verstärkt mit Kunden-Workshops, um dort die Lösungen zu identifizieren.

Ein guter Draht zu Forschung und Lehre ist für Ihre Aufgaben sicherlich von Vorteil. Gibt es Beteiligungen an universitären Start-ups?

Dr. Frank Theilen: In Bezug auf IIoT arbeiten wir mit dem Centrum Industrial IT, CIIT, in Lemgo zu- sammen. Hinsichtlich Führungsthemen kooperieren wir mit dem Institut für Performance Management an der Uni Lüneburg, beim Thema additive Fertigung mit der Uni Hannover. Konkrete Beteiligungen an universitären Start-ups gibt es aktuell keine.

Dr. Michael Britzger: Durch die Diversifizierung der Technologien haben wir zudem verstärkt Kontakt zu kleineren und oft jungen Unternehmen, um in neuen Bereichen erste Erfahrungen zu sammeln.

Welche Firmenkultur kommunizieren Sie, um möglichst attraktiv für Studienabsolventen und junge Facharbeiter zu sein?

Dr. Frank Theilen: Wir arbeiten direkt an den wesentlichen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft wie IIoT. Was kann es da noch viel Spannenderes geben? (lacht)

Emerson ist Aussteller auf der SPS. Welche Neu- und Weiterentwicklungen wird Aventics respektive Emerson zur SPS in Nürnberg zeigen?

»Wir arbeiten direkt an den wesentlichen Zukunftsthemen unserer Gesellschaft wie IIoT.«

— Dr. Frank Theilen, Vice President Digital Transformation bei Emerson Automation Solutions

Dr. Michael Britzger: Neben dem umfangreichen Emerson-Produktportfolio werden wir neue und erweiterte IIoT-Anwendungen im Bereich der vernetzten Produkte zur Energieverbrauchsoptimierung und zur vorbeugenden Wartung präsentieren.

Noch eine private Frage zum Schluss. Auf welchem Niveau sehen Sie Ihre private digitale Transformation? Welche Hobbys stehen beim Aufladen der inneren Batterien im Vordergrund?

Dr. Frank Theilen: Meine Hobbys sind primär analoger Natur. Hierzu zählen Unternehmungen mit der Familie, Treffen mit Freunden oder sportliche Aktivitäten. Aber ich gebe zu: Beim Sport wird dann schon mal eine Smartwatch genutzt. Insgesamt nehme ich meine private digitale Transformation als eher unbewussten Prozess wahr. Vor einigen Jahren hätte ich nicht gedacht, dass meine private Kommunikation primär über WhatsApp funktioniert, Musik nur noch gestreamt wird und ich Produkte in erster Linie online kaufe.

Dr. Michael Britzger: Über die letzten Jahre beobachte ich intensiver mein Umfeld und dessen Umgang mit den digitalen Dingen des Alltags. Wie sich zum Beispiel Menschen mit den disruptiven Aspekten vom Onlinehändler bis zum E-Scooter auseinandersetzen.

Man ist für das Thema einfach sensibilisiert und achtet vermehrt darauf, wie Menschen und Organisationen ihre eigene Transformation erleben. Egal ob mit Freunden, Kollegen oder der Familie – da gibt es immer eine Menge Gesprächsstoff.

SPS: Halle 4A, Stand 451

Erschienen in Ausgabe: 08/2019
Seite: 1 bis 13