»In drei Dimensionen«

Heinz-Georg Geissler - Der Chief Sales Officer (CSO) von Afag spricht exklusiv mit Redakteur Oliver Krüth über Neuentwicklungen, die das Unternehmen auf der Motek vorstellt sowie über Trends und die Digitalisierungsstrategien des Unternehmens.

30. September 2019
»In drei  Dimensionen«
Heinz-Georg Geissler ist CSO des Automatisierungsspezialisten Afag. Das Unternehmen entwickelt und produziert Komponenten und Systeme für Montageautomation in den Bereichen Zuführen, Handhaben und Transportieren. (Bild: Artphotographs Dieter Marx e.K.)

Herr Geissler, welche Trends sehen Sie derzeit im Bereich der Montageautomation?

Zum einen sind German/Swiss Engineered-Lösungen und -Komponenten weltweit weiterhin sehr gefragt, was für uns natürlich ein großer Vorteil ist, denn genau dafür steht Afag. Zudem geht es in diesem Bereich derzeit darum, die Time- to-Market der Produkte zu verringern. Die Parallelisierung der Prozesse und ein modellbasiertes Engineering sind hierbei ganz entscheidende Faktoren. Was wir als mittelgroßes Unternehmen sehr begrüßen und fördern, sind darüber hinaus Trends wie herstellerübergreifende Standards, Plattformen und Schnittstellen wie OPC-UA oder AML. Und wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen, sind wir überzeugt davon, dass intelligente und energieeffiziente Komponenten die Automationswelt in zehn Jahren dominieren werden.

Wo sind Ihre Märkte und wo sehen Sie aktuell das größte Wachstum?

Da muss man differenzieren. Geografisch gesehen sind die Märkte mit dem größten Wachstum die USA und China. Darauf haben wir uns in den vergangenen Jahren eingestellt und dort Verkaufs- und Service-Niederlassungen eröffnet – 2016 in Nashville und 2018 in Shanghai. 2020 soll zudem eine lokale Produktion für Zuführ- und Handhabungslösungen in Changzhou entstehen. Da sind wir momentan in der Planung.

Schlüsseln wir den Markt nach Segmenten auf, bietet weiterhin die Automotive-Sparte das größte Wachstum. E-Mobilität ist hier das Stichwort. Wichtig sind für uns zudem Healthcare, Consumer Goods und Verpackung.

Mit welchen Neuerungen werden Sie die Besucher auf der Motek überraschen?

Highlight unseres Messeauftritts wird das neue LTM-Horizontal sein. Dabei handelt es sich um eine platzsparende Alternative zum klassischen Rundtakttisch, die sich für kompakt bauende Anlagen mit hohen Taktleistungen eignet. Es besteht aus unseren Standardkomponenten und ist nicht nur in seiner Bauform, sondern auch in seiner Antriebsart modular und flexibel angelegt. Damit kann sich der Anwender das Modul genau für seine Aufgaben maßschneidern. Darüber hinaus zeigen wir unsere gewinkelten Drehgreifer DG 16-W und DG 20-W mit einem Drehwinkel von 180 Grad. Mit ihnen können Anwender Teile schnell und effizient in einem Prozessschritt wenden und umlegen. Außerdem stellen wir unsere Rotationsmodule der CR-Reihe vor. Sie verfügen über eine zentrale Energiedurchführung sowie über jeweils vier Pneumatik- und Elektrik-Anschlüsse. Aus der Zuführtechnik lernen Sie auf unserem Stand eine neue Baureihe Industriebandbunker sowie den neuen Linearförderer HLF-50 M kennen.

Wie stellen sich die Herausforderungen von Industrie 4.0 und Digitalisierung für Sie dar?

Für uns stellen sich diese Themen als Chance dar. Herausforderung und gleichzeitig Schlüssel zum Erfolg ist es, die richtigen Themen zu identifizieren und umzusetzen. Dazu kommt die hohe Geschwindigkeit, mit der sich die Digitalisierung vollzieht. Für uns heißt das: ständig prüfen und gegebenenfalls ausprobieren, was sinnvoll ist und was nicht.

Welche digitale Infrastruktur und Anwendungen sollen bei Ihnen das Thema vorantreiben?

Bei Afag bewegen wir uns da in drei Dimensionen. Zu allererst wollen wir unsere Kunden zur Digitalisierung befähigen. Dafür nutzen wir eine geeignete, möglichst einfache Kommunikation. Wir denken darüber hinaus an intelligente Produkte, neue Dienstleistungen im Engineering und im Service. Und zu guter Letzt sind die Digitalisierung der internen Prozesse und Systeme die Voraussetzung für zukunftsorientierte Angebote und interne Effizienzsteigerungen.

Welche digitalen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsnetzwerke haben Sie bereits entwickelt, und was können Ihre Kunden in den nächsten zwei Jahren noch erwarten?

Da ist schon einiges passiert. Für die kommenden zwei Jahre haben wir weitere Projekte in der Pipeline. Ich will nicht zu viel verraten, aber unsere Kunden können sich auf Konfiguratoren, E-Commerce und intelligente Produkte freuen.

Was hat beispielsweise noch nicht funktioniert?

Wir beschäftigen uns seit einiger Zeit mit digitalen Geschäftsmodellen und sind zu dem Schluss gekommen, dass kommerzielle digitale Marktplätze nicht auf einen Hersteller begrenzt sein dürfen. Deshalb arbeiten wir zurzeit mit Wettbewerbern, Kunden und Verbänden an einer herstellerneutralen Automationsplattform. Diese wird die deutsche Industrie im internationalen Technologiewettbewerb aus unserer Sicht weiter stärken. Auf der automatica 2018 haben wir mit dem OPC-UA-Demonstrator gemeinsam mit unseren Partnern unter der Leitung des VDMA gezeigt, dass der Wille zur herstellerübergreifenden Zusammenarbeit da ist. Diesen Elan gilt es nun weiter zu tragen und auszubauen.

Wem gehören die von Ihnen generierten Daten? Ihnen, dem Anwender, dem Big-Data-Center, das aus den Daten Mehrwerte erstellt oder präferieren Sie eine andere Verwertung?

Bisher haben wir Daten gratis zur Verfügung gestellt, etwa CAD-Downloads und Ähnliches. Hier findet momentan jedoch ein Umdenken statt. Deshalb überlegt man, künftig die Informationen aus Konfiguratoren oder modellbasierten Engineeringtools über Abrechnungssysteme zu verkaufen.

Die Digitalisierung ist auch für Ihre Mitarbeiter herausfordernd. Wie gehen Sie dies Thema an?

Wir haben aus unseren eigenen Reihen ein starkes Digitalisierungsteam geformt, das unter der Leitung des CDO eine Botschafterfunktion übernimmt. Die Kollegen steuern gemeinsam mit dem Management die Realisierung der Digitalisierungsinitiativen. Zugleich versuchen wir, unsere Mitarbeiter bei der Ideengenerierung, bei ihrer Umsetzung und im späteren Betrieb einzubinden. Für Spezialaufgaben wie etwa Architekturfragen oder bei der Einführung neuer Tools ziehen wir externe Experten hinzu.

Haben Sie in Ihrer Arbeitsorganisation Anpassungen vorgenommen, um etwa Innovationen zu fördern und in den Prozess der digitalen Transformation einzubinden?

Die Organisation wurde mit dem Digitalisierungsteam bereits angepasst, auch die Schnittstellen zur Informations- und Kommunikationstechnik mussten definiert werden. Alle Digitalisierungsideen werden in einen Funnel gelegt und mit einer an Scrum angelehnten Methode in iterativen Teilschritten entwickelt. Durch kontinuierliche Identifikation und Förderung der Digitalfreaks auf allen Stufen halten wir das Tempo und die Bereitschaft zur digitalen Transformation hoch.

Welche Firmenkultur leben Sie, um auch attraktiv für künftige Mitarbeiter zu sein?

Die Firmenkultur der Afag-Gruppe war schon früher partnerschaftlich und von Eigenverantwortung geprägt. Vor fünf Jahren hat das Top-Management die Werte Partnerschaft, Verantwortung, Einfachheit und Faszination Bewegung formuliert, hat sich verordnet, diese vorzuleben und fordert dies tagtäglich bei Entscheidungen und Handlungen ein. Die Afag-Werte sind für den Zusammenhalt der Gruppe existenziell. Unter anderem haben wir 2018 mit etwa 200 Mitarbeitern aus allen Standorten den Afag-Wertebaum im Werk Amberg aufgestellt. Bei diesem Sommerfest haben rund 150 Mitarbeiter sowie die Geschäftsleitung auf dem Firmengelände im Zelt übernachtet. Die so eingesparten Hotelkosten wurden vom Gesellschafter verdoppelt und gemeinnützigen Organisationen an allen Standorten übergeben.

Motek: Halle 4, Stand 4210

Erschienen in Ausgabe: 06/2019