Johannes Moosmann

»Integrierte Intelligenz«

Der Geschäftsbereichsleiter Industrielle Antriebstechnik bei EBM-Papst in St. Georgen spricht über Trends sowie Kundenanforderungen im Spannungsfeld zwischen Varianz und Wirtschaftlichkeit.

21. Februar 2019
»Integrierte  Intelligenz«
(Bild: EBM-Papst)

Herr Moosmann, wohin bewegt sich die Antriebstechnik?

Wir erleben schon länger einen immer stärkeren Trend hin zur Dezentralisierung. Früher gab es große Motoren mit Königswelle. Heute werden immer kompaktere Antriebe in den Applikationen verteilt.

Neu hinzu kommt, dass Industrie 4.0 die klassische Automatisierungspyramide aufhebt: Alle Komponenten sprechen miteinander und ermöglichen so eine Vernetzung vom Leitrechner bis zur Aktor-Sensorebene. Vereinfacht gesagt geht der Trend also in Richtung Kleinmotoren mit integrierter Elektronik.

Welche Anforderungen müssen die Antriebe selbst erfüllen?

Über die Branchen hinweg gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Einsatzgebieten für Antriebe und damit auch sehr unterschiedliche Detailanforderungen, was deren Leistung, Aufbau, Regelbarkeit oder Energieeffizienz betrifft. Da ist bei uns eine hohe Varianz gefragt. Gleichzeitig fordern die Kunden natürlich wirtschaftliche Lösungen. Dabei steht die Varianz der Wirtschaftlichkeit oftmals im Wege.

Wie lösen Sie bei Ihnen im Unternehmen diesen Widerspruch auf?

Eine zentrale Antwort auf diese teils widersprüchlichen Kundenanforderungen ist unser modularer Produktbaukasten. Der bringt den Kunden viele Vorteile: schnellere Serienlieferung, wirtschaftlichere Lösungen, hohe Qualität und schnellere Spezifizierung.

Der Kunde nennt uns seine Anforderungen und wir stellen aus dem Baukasten eine Antriebslösung zusammen, die diese am besten erfüllen. Eine ansonsten übliche längere Entwicklungszeit für ein spezifisches Produkt entfällt.

Und was passiert in den Fällen, in denen der Baukasten die Anforderungen nicht zu 100 Prozent erfüllt?

Das Baukastensystem bietet eine enorme Bandbreite an möglichen Lösungen aus Motor, Elektronik und Getriebe. In der Regel kann der Kunde mit der Lösung aus dem Baukasten schon an seiner Applikation weiterarbeiten.

Wir unterscheiden zudem zwischen Standard- und Vorzugstypen. Letztere sind innerhalb von 48 Stunden versandbereit. Das ermöglicht dem Kunden, dass er schnell in seiner Applikation testen kann. Wir können uns derweil voll auf die letzten Meter zur 100-prozentigen Kundenlösung konzentrieren.

»Da wir das gesamte Antriebssystem betrachten, können wir es sehr effizient auslegen.«

— Johannes Moosmann, EBM-Papst

Das Baukastensystem enthält vorentwickelte und vorqualifizierte Einzelmodule – damit können wir diese Entwicklungszeit deutlich verkürzen. Die vorqualifizierten Module sorgen zudem dafür, dass das Gesamtprodukt auf jeden Fall funktioniert.

Macht die große Bandbreite des Baukastens die Auswahl für die Kunden nicht komplizierter?

Anders herum wird ein Schuh daraus: Unsere Antwort auf komplexe Kundenanforderungen sind Komplettlösungen, bestehend aus Motoren, Elektronik und Getriebe, die je nach Anforderung aus unserem modularen Antriebsbaukasten zusammengestellt werden. Kombiniert wird das mit einem Beratungsservice, der hohe technische Kompetenz mitbringt.

Wie unterstützen Sie konkret?

Wir haben zum Beispiel ein Online-Portal, das eine erste Auswahl ermöglicht. Dort finden sich, neben den technischen Leistungsmerkmalen, auch 2D-Zeichnungen und 3D-Modelle der Antriebe zum Download, damit Kunden die Antriebe ganz einfach eindesignen können.

Welche Rolle spielt denn dann die persönliche Beratung überhaupt noch?

Die ist nach wie vor sehr wichtig! Es steckt in unseren EBM-Papst-Genen, dass wir jedem genau den Servicelevel bieten, den er braucht: Wir gehen zum Kunden, versuchen die Applikation zu verstehen und erarbeiten gemeinsam mit ihm, welches Antriebssystem er konkret zum Lösen seiner spezifischen Antriebsaufgabe braucht.

Und wie machen Sie das?

Dafür haben wir sogenannte Drive Experts, die mit hoher Fach- und Wirtschaftskompetenz für die Kunden da sind. Das Team der Drive Experts wird gerade weltweit ausgebaut.

Dadurch, dass bei uns durchweg Techniker als Drive Experts unterwegs sind, sprechen sie mit den Entwicklern beim Kunden auf Augenhöhe. Die Kernkompetenz des Kunden ist in der Regel die Applikation, nicht der Antrieb – und darauf soll er sich auch weiter konzentrieren können.

Wo sehen Sie im Bereich Energieeffizienz bei Ihren Antrieben noch Potenziale zur Verbesserung?

Da wir das gesamte Antriebssystem betrachten, können wir es sehr effizient auslegen. Unsere Getriebeentwicklung in Lauf kümmert sich um höchste Laufruhe und Effizienz.

Mit unserer Motor- und Ansteuerungskompetenz in St. Georgen sorgen wir für höchste Wirkungsgrade. Allein die Kombination von Motor und Elektronik liegt hinsichtlich des Wirkungsgrads bei bis zu 95 Prozent.

Natürlich können wir rein technisch noch effizientere Antriebe anbieten, aber da geht dann die Kostenspirale nach oben auf. Wir bieten unseren Kunden lieber Produkte mit höchster Effizienz zu wirtschaftlichen Preisen.

Eine Marktanforderung ist auch, dass die Antriebe möglichst klein bauen …

Unsere BLDC-Motoren sind im Vergleich zu AC- und bürstenbehafteten Motoren unglaublich kompakt und leistungsstark. Das ermöglicht, die Antriebe direkt in die Kundenapplikation zu verbauen. Dies unterstützt das Ziel der Modularisierung und steigert Präzision, Produktsicherheit und damit Verfügbarkeit.

Auf den Trend batteriegetriebener Lösungen zahlen diese Motoren außerdem mit einem geringen Gewicht ein.

Bei den genannten Beispielen spielt das Thema Vernetzung auch eine große Rolle. Welche Lösungen bieten Sie hierzu an?

Unsere Antriebe bringen bei Bedarf integrierte Intelligenz mit. Der Motor registriert und meldet nicht nur eigene Zustände, sondern kann auch als Analysegrundlage dienen, um beispielsweise Störungen in der Applikation zu erkennen. Dadurch können Themen wie Condition Monitoring und Predictive Maintenance mit unseren kompakten Antrieben sehr gut unterstützt werden.

Was wird hier künftig möglich sein?

Wir werden den Kunden sehr viele Daten bereitstellen können. Sensoren im Motor erfassen viele Parameter – die können wir dann in Echtzeit ausspielen.

Über die integrierte Intelligenz der Antriebe können wir Zustände auch berechnen. Wir können künftig Lage, Temperatur, Geschwindigkeitsinformationen, Drehmomente, Stromwerte liefern und dem Kunden helfen, das Gesamtsystem besser zu verstehen und es zu optimieren. Denkbar ist auch eine vereinfachte Installation über ein selbstlernendes System. Der Motor läuft an und legt seine optimalen Regelparameter selbst fest.

Für welches Bus-System sind die Antriebe ausgelegt?

In der Antriebstechnik gibt es leider keine Konzentration auf ein bestimmtes Bus-System, sondern eine große Vielzahl unterschiedlicher Systeme. Heute bieten wir Antriebssysteme mit CANopen-Protokoll an und künftig werden wir weitere marktübliche Bus-Systeme anbieten können.

Erschienen in Ausgabe: 01/2019
Seite: 48 bis 49