Herr Wolf, wie gestaltet sich für Ihr Unternehmen die momentane Auftragssituation im Vergleich zum Vorjahreszeitraum?

Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir mit Auftragseingang und Umsatz- entwicklung sehr zufrieden. Bei- des liegt derzeit über den Vergleichszahlen des Vorjahres. Nichtsdestotrotz besteht natürlich branchenweit aktuell eine große Unsicherheit darüber, welche Auswirkungen der welt- weite Ausbruch des Coronavirus haben wird und wie sich die Situation in der nahen und ferneren Zukunft entwickeln wird.

Wie schätzen Sie die Marktsituation generell ein?

Niemand ist in der Lage, auch nur annähernd vorauszusagen, wohin sich die Weltwirtschaft im Zeichen des Coronavirus entwickeln wird. Von daher ist eine belastbare Aus- sage über die Entwicklung der Marktsituation aktuell nicht möglich.

Was können und werden Sie tun, um trotz veränderter Marktbedingungen die steifer werdende Brise gut zu durchschiffen?

Die derzeitige Lage erfordert eine wache und agile Organisation. Sie müssen ständig jede Entwicklung im Auge behalten und möglichst ohne Zeitverzug darauf reagieren können. Das zieht sich durch das gesamte Unternehmen, vom Einkauf über die Produktion und die Logistik bis hin zum Vertrieb. Für Turck bedeutet dies, dass sich die entsprechenden Teams welt- weit noch enger und häufiger ab- stimmen, um beispielsweise alternative Bauteil-Lieferanten zu identifizieren, Warenflüsse auf- rechtzuerhalten oder auch Messe- teilnahmen beziehungsweise -absagen zu verwalten.

Sie haben das Geschäftsjahr 2019 als »vernünftiges« Jahr für Turck bezeichnet, wenn auch leicht unter den Erwartungen. Wichtig für das Ergebnis sei unter anderem die gute Entwicklung bei RFID und Logistik gewesen. Warum besteht hier aktuell so gutes Potenzial für Ihr Unternehmen, wie wollen Sie dieses weiter heben?

Im RFID-Segment konnten wir 2019 mehr als 20 Prozent wachsen, sowohl auf der Hardwareseite als auch mit unserem Lösungs- und Integrationsangebot über Turck Vilant Systems. RFID ist einfach eine der wichtigsten Schlüsseltechnologien für Industrie 4.0 und das Industrial Internet of Things, IIoT. Wenn sich Dinge untereinander vernetzen und miteinander kommunizieren sollen, müssen sie sich zunächst einmal erkennen und lokalisieren können. Dazu gibt es verschiedene Technologien, aber während optische Lösungen wie Codes immer einen Sichtkontakt voraussetzen, haben RFID-Datenträger den großen Vorteil, auch durch Hindernisse hindurch erkannt werden zu können. Ein Beispiel ist der Versand von Medikamentenpackungen auf einer Palette. Mit der richtigen RFID-Technologie können Sie jede einzelne Medikamentenpackung auf der Palette gemeinsam in einem Durchgang erfassen und registrieren, ohne sie aus ihren Umverpackungen entfernen zu müssen. Das bringt uns gleich zur Logistik. In diesem Bereich sehen wir große Wachstumschancen für Turck. Mit unserem Portfolio sind wir ideal aufgestellt für dezentrale Automatisierungslösungen, wie sie im Logistikumfeld häufig vorkommen. Robuste Sensoren mit IO-Link, I/O-Module in Schutz- art IP67 – sogar mit eigener SPS an Bord –, aber eben auch besagte RFID-Lösungen sind der Grundstock für Smart Data, also letztlich im Feld aufbereitete Daten, von denen nur die relevanten Informationen bis zur übergeordneten Steuerung geleitet werden. Das entlastet den Datenverkehr in den Netzwerken deutlich.

Sie sehen Pharma neben weiteren Bereichen für Ihr Unternehmen als ein Geschäftsfeld der Zukunft. Wie wollen Sie das Geschäftsfeld erschließen? Was werden Sie der Pharmabranche als Lösungen bieten, auf die diese künftig nicht mehr verzichten kann?

»Dezentrale Intelligenz erlaubt eine flexiblere Anlagenplanung.«

— Christian Wolf, Geschäftsführer Turck

Mein dargestelltes Beispiel aus der Pharmaindustrie kann ich hier wiederholen. Aber neben der Vereinfachung der Pharmalogistik durch leistungsfähige Funk-Identifikationslösungen gibt es zahlreiche weitere Anwendungsfelder für Turck-Lösungen, in denen wir auch heute schon aktiv sind. Ein Trend in der Pharmaindustrie sind beispielsweise zunehmend modulare Produktionsanlagen. Diese Konzepte können wir mit unserem Lösungsportfolio an vielen Stellen unter- stützen. Neben RFID-Lösungen zur Identifikation der Module beziehungsweise einzelner Behälter bieten wir zum Beispiel einheitliche I/O-Systemlösungen mit Ethernet-Kommunikation für Nicht-Ex- und Ex-Bereiche. Aber unsere Kunden profitieren auch vom durchgängigen IO-Link-Portfolio vom Sensor bis zum Master oder von ultrakompakten Interfacegeräten, die mit 33 Prozent weniger Tiefe auch in die kompakten Schaltkästen solcher Module passen.

Was stehen in Ihrer Unternehmensstrategie 2020+ für nächste Schritte an? Wie weit sind Sie auf dem Weg schon vorangeschritten?

Die Umsetzung der Unternehmensstrategie ist ein kontinuierlicher Prozess, der natürlich immer wieder adaptiert werden muss. Insofern hat man sein Ziel nie erreicht. Wir sind in diesem Prozess nach wie vor auf einem sehr guten Weg, egal ob es zum Beispiel um die stärkere Marktdurchdringung im ASEAN-Bereich geht, die wir gemeinsam mit unserem strategischen Partner Banner Engineering umsetzen, oder um die Verbesserung unseres globalen Produktions-Footprints. Wie wichtig dieses Projekt ist, zeigt die aktuelle Entwicklung rund um die virusbedingt eingeschränkten globalen Supply Chains. Um die lokalen Märkte weltweit besser bedienen zu können und die Produktionskosten und Distributionskosten zu optimieren, bauen wir derzeit unsere weltweiten Wertschöpfungsstrukturen aus. Ziel ist es, rund 70 Prozent der regionalen Wertschöpfung auch in der jeweiligen Region zu realisieren. Aktuell gehen wir daher mit einem weiteren Standort in Polen in Betrieb, an dem wir für den europäischen Markt beispielsweise auch Produkte herstellen, die bislang aus China angeliefert wurden.

In Ihrer Unternehmensvision wollen Sie Turck als Wegbereiter für die industrielle Digitalisierung aufbauen, weg vom Komponenten- hin zum Lösungsanbieter. Sie wollen neben dem Hardwaregeschäft Software- und Engineering-Services entwickeln. Sie sind ja schon mittendrin im Aufbau, wie gestaltet sich dieser?

Turck als Leading Digital Automation Company zu etablieren, steht im Fokus unserer Unternehmensstrategie. Industrie 4.0 und das Internet of Things sind die Megatrends, die Automatisierer heute umtreiben. Heute wird auch nicht mehr nur darüber geredet, wie Kunden davon profitieren können, sondern gehandelt. Wir haben bereits eine Reihe entsprechender Lösungen umgesetzt, beispielsweise für Condition Monitoring zur vorausschauenden Wartung. Auch hier hat der Kunde in Turck einen One-Stop-Shop, von einfach nachrüstbaren Sensoren über I/O-Lösungen und Cloud-Gateways bis in die Cloud. Auf dem Weg zu unserem Ziel betreten wir auch neue Pfade: So haben wir bei unserer Cloud-Lösung das umfangreiche Know-how über einen Technology-Buy-out zugekauft und nicht erst in langwierigen Prozessen selbst entwickelt. Auch mit der Übernahme unseres ehemaligen RFID-Turnkey-Lösungspartners Vilant Systems im Jahr 2017 unterstreichen wir unseren Anspruch, die digitale Automatisierung voranzubringen.

Welche weiteren Schritte unternehmen Sie, um sich zur Leading Digital Automation Company zu entwickeln?

Dieses Ziel wollen wir unter anderem dadurch erreichen, dass wir uns bei jeder Produktentwicklung darüber Gedanken machen, welche Zusatzfunktionen in den Produkten unseren Kunden einen Mehrwert bieten können – egal ob wir über Sensoren, Feldbusmodule, HMIs, Steuerungen oder Anschlusstechniklösungen sprechen. Der Weg zur Leading Digital Automation Company ist für Turck aber mehr als die Entwicklung entsprechend innovativer Produkte. Beispielsweise muss auch die Firmenorganisation stimmen und teilweise angepasst werden. So haben wir in den letzten Jahren ein weltweites CRM- und ERP-System eingeführt, interne Prozesse weiter digitalisiert und unser Logistikzentrum modernisiert, um auf die steigenden Anforderungen unserer immer globaler agierenden Kunden besser, schneller und flexibler reagieren zu können.

In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten muss ich auch das Geld für Einstieg oder Ausbau von Industrie 4.0 und Digitalisierung haben – heißt, ich brauche bezahlbare Lösungen, die mir finanziellen Nutzen bringen. Wo sehen Sie solche Anwendungsmöglichkeiten zum Beispiel?

»Die derzeitige Lage erfordert eine wache und agile Organisation.«

— Christian Wolf, Geschäftsführer Turck

Es gibt viele Szenarien, die einen zeitnahen Return on Invest versprechen, zum Beispiel in den Bereichen Fernwartung oder Condition Monitoring. So haben wir für einen Kunden, der Feuerfestmaschinen an Verleihfirmen verkauft, die wiederum die Maschinen an ihre Kunden verleihen und beispielsweise über den verbrauchten Beton abrechnen, eine Fernwartungslösung auf Basis der Turck Cloud Solutions realisiert. Die Zustands- und Verbrauchsdaten jeder Maschine sind damit jetzt zentral einsehbar, sodass die weltweiten Einsätze der Servicetechniker im Fehlerfall deutlich reduziert werden konnten.

Als nächsten Schritt hin zur intelligenten Produktion sehen Sie die dezentralisierte Automatisierung: Intelligenz wird ins Feld verlagert. Warum ist dies wichtig?

Je digitaler Automationssprozesse werden, umso wichtiger wird es, Intelligenz auch dezentral im Feld vorzuhalten. Wenn das nicht geschieht, kommt es zwangsläufig irgendwann zum Datenstau. Wir sind heute in der Lage, neben den eigentlichen Nutzdaten immer mehr Zustandsdaten in Maschinen und Anlagen zu erfassen. Wenn diese Datenmengen zunächst komplett an übergeordnete Steuerungen weitergeleitet werden müssten, wäre die Infrastruktur schnell überlastet.

Dezentrale Intelligenz erlaubt Ihnen auch eine flexiblere und variablere Anlagenplanung, egal ob im Maschinenbau oder in der Logistik. Der Einsatz dezentraler Automatisierungskomponenten in IP67 erleichtert zudem erheblich die Interkonnektivität. Mit zentralisierter Punkt-zu-Punkt-Verdrahtung ist eine konsequente Modularisierung nicht möglich. Dezentrale I/O-Komponenten zur Montage direkt im Feld erlauben, Signale am Modul einzusammeln und per Ethernet-Verbindung mit anderen Modulen zu koppeln.

Welche Lösungen bieten sie hier? Wie flexibel sind diese?

Als ausgewiesener IP67-Spezialist haben wir ein komplettes Portfolio an robusten und intelligenten I/O-Lösungen, die Sie ohne weitere Schutzmaßnahmen direkt im Feld installieren können – vom einfachen I/O-Modul über IO-Link-Master bis hin zur SPS im I/O-Modul. Unsere Module können Sie dank ihrer Multiprotokollfähigkeit in gängigen Industrial-Ethernet-Netzen betreiben, sowohl in Profinet als auch in Modbus TCP und Ethernet/IP.

Dezentrale Automatisierung bedeutet für Turck aber mehr als intelligente IP67-Lösungen. Besonders mit IO-Link-Sensoren haben wir die Möglichkeit, intelligente Zusatzdaten zur Verfügung zu stellen, was mit Analogsignalen so nicht möglich wäre. So beispielsweise das Auslesen von Betriebsstunden, der Signalqualität, der Temperatur oder Informationen zu Gerätetyp, Firmware- und Hardware-Version oder Einbauort. Hier profitiert der Kunde auch von unserem durch- gängigen IO-Link-Portfolio vom Sensor bis zum Master. Und weil wir die Cloud-Funktionalität auch in unsere Steuerungen und Feldbussysteme integriert haben, bieten wir eine einfache Lösung, um IO-Link-Sensorik und -Aktorik auch ohne zusätzliche Edge-Gateways direkt aus der Feldbusebene mit der Cloud zu verbinden.

Sie versprechen spezifische Cloud-Services für Automatisierungstechnik, inklusive Cloud-Portal. Was ist das Besondere?

Ein wichtiges Merkmal ist die Einfachheit unserer Turck Cloud Solutions. Jeder Anwender, der eine SPS programmieren oder eine HMI-Visualisierung erstellen kann, findet sich mühelos auch in unserer Cloud zurecht. Wir haben hier den Ansatz ›Konfigurieren statt Programmieren‹ umgesetzt. Und da wir neben Software auch die Hardware liefern, hat der Anwender alles aus einer Hand. So kann Turck dem Anwender Plug-and-play-Lösungen bieten. Das wäre so nicht möglich, wenn wir nicht Hard- und Software ideal aufeinander abstimmen könnten.

Vita

Christian Wolf studierte von 1993 bis 1997 Wirtschaftsingenieurwesen an der Märkischen Fachhochschule in Hagen. Schon während des Studiums gab es erste Kontakte zu Turck, unter anderem im Rahmen einer halbjährigen Tätigkeit bei Turck USA.

Direkt nach Abschluss des Studiums stieg Wolf bei Turck ein. Nach unterschiedlichen Leitungsfunktionen in den Unternehmensbereichen Vertrieb & Marketing wurde er 2008 zum Geschäftsführer der Hans Turck GmbH & Co. KG und der Turck Holding GmbH ernannt.

Sie ermöglichen Ihren Kunden alternativ, die Cloud-Services auf deren firmeneigenem Server vor Ort zu hosten, also on-premise. Wann ist nach Ihrer bisherigen Erfahrung die eine Lösung, wann die andere sinnvoll?

Die klassisch von Turck gehostete Variante ist sehr schnell und einfach umgesetzt. Der Anwender muss sich lediglich registrieren und kann dann direkt starten. Wir kümmern uns um das Hosting inklusive Back-ups, und der Anwender benötigt kein speziell geschultes Personal. Für dieses Szenario bietet Turck seinen deutschen Kunden Cloud-Server in Deutschland an, sodass die Daten im Land bleiben. Für Kunden in anderen Ländern, wie etwa China oder USA, werden wir das Hosting auch im jeweiligen Land anbieten.

Möchte der Kunde seine Daten nicht in externe Rechenzentren hochladen, bieten wir ihm spezielle on-premises-Lösungen an, sodass er seine eigene Cloud exakt dort betreiben kann, wo er es wünscht – direkt an der Maschine oder im eigenen Rechenzentrum, auf Wunsch auch ganz ohne Internetverbindung.

Inwieweit spielen bei einer Entscheidung der Kunden für eine Cloud-Lösung auch Sicherheitsfragen und -bedenken eine Rolle?

Das Thema Sicherheit ist natürlich in jedem Gespräch mit Interessenten auf dem Tisch. Sie müssen das ganzheitlich betrachten, denn es sind verschiedene Faktoren zu berücksichtigen. So sollte beispielsweise der Übertragungsweg natürlich verschlüsselt sein. Daten heute noch unverschlüsselt zu übertragen, wäre fahrlässig. Hier bieten wir mit unserem proprietären Kolibri-Protokoll eine sichere und zuverlässige Lösung. Der nächste Punkt ist die Datenhaltung selbst, auch hier werden sämtliche Daten bei Turck ausschließlich verschlüsselt gespeichert. Wichtig ist es aber auch, Themen wie beispielsweise die Benutzerverwaltung und Zugriffsrechte zu beachten und stets aktuell zu halten, sowohl in der Cloud als auch auf den Feldgeräten.