Robi-Ansichten

Dr. Michael Klos - Auf der Hannover Messe stand der General Manager Robotics Division bei Yaskawa Europe Rede und Antwort. automation-Chefredakteur Joachim Vogl sprach mit ihm im exklusiven Interview unter anderem über die künftigen Herausforderungen der Robotik im Allgemeinen und Yaskawa im Speziellen.

18. Juni 2019
Robi-Ansichten
(Bild: Yaskawa Europe GmbH)

Herr Dr. Klos, Sie sind seit vielen Jahren in der Roboterbranche tätig. Auf Ihrer Visitenkarte tragen Sie die Bezeichnung »Business Development«. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir wollen vom Tagesgeschäft weiter vorwärtsgehen und gezielt und systematisch schauen, wo man Roboter in Zukunft sinnvoll einsetzt. Kreative Leute haben viele Ideen, was sie mit Robotern anfangen wollen. Sie unterschätzen aber oft, was man alles tun muss, um daraus eine Geschäftsmodell zu machen, das wächst und skalierbare Wiederholeffekte erzielt. Was davon ist eine Schnapsidee, was nicht? Dabei helfen wir gern und hoffen natürlich, dass sich daraus auch für uns ein Markt oder eine Anwendung mit Wachstumspotenzial ergibt.

Was wäre so ein vielversprechendes Business?

Da kann ich natürlich nicht aus dem Nähkästchen plaudern … Aber nehmen wir mal die Logistik, von der es überall heißt, die Robotik habe dort eine riesengroße Zukunft. Wo genau sind diese großen Stückzahlen? Wenn man als Roboter auch mobile Plattformen ohne Roboterarm bezeichnet, gibt es tatsächlich einen großen Wachstumsmarkt im Umfeld von E-Commerce und Logistik. Das sind dann Tausende von Robotern. Aber für uns – als Hersteller von Industrierobotern – ist ein Roboter alles, was irgendwie einen Arm hat. Für uns wird es beim Kommissionieren von Waren mit Hilfe von intelligenter Bildverarbeitung, Palettieren und Behälterlogistik interessant. Dann die mobilen Roboterarme – wo haben sie eine Chance, und wo gibt es andere Technologien, die einem mobilen Roboter nach dem Picker-zu-Ware-Konzept ehrlicherweise überlegen sind, hinsichtlich Taktzeit und ROI.

Dr. Michael Klos, Leiter Produktmanagement, Yaskawa

Womit beschäftigen Sie sich momentan in Ihrer Rolle?

Zum Beispiel mit Success-Stories und der Verbesserung der Kommunikation. Wir haben sehr viele unterschiedliche Roboter-Anwendungen erfolgreich in den Landesgesellschaften umgesetzt. Davon wissen bloß zuwenige in anderen Teilen unserer Organisation. Auch unsere Kunden wären erstaunt, wenn sie unsere Erfahrung in so vielen unterschiedlichen Bereichen sähen. Dieser Austausch, die syste- matische Kommunikation über Referenzen, ist gerade ein Thema für mich. Dann haben wir in der letzten Zeit viele Produkte, die etwas erklärungsbedürftiger sind. Dafür braucht unser Vertrieb eine Argumentationslinie und Expertise, die erarbeitet werden muss. Nehmen Sie zum Beispiel den kollaborativen Roboter. Das ist nicht alles total easy, wie es manche Roboterhersteller suggerieren, ein Commodity-Artikel, den man auspackt, einschaltet und das Ding arbeitet los und ist absolut sicher. Da muss man schon mal über das Einsatzkonzept, den Greifer, die Flexibilität, die Vorrichtung, die Sicherheit und die Arbeitsaufgabe nachdenken. Wo setzt man einen Cobot vernünftig ein? Wo ist ein herkömmlicher Roboter sinnvoller oder günstiger? Will ich wirklich Kollaboration, oder eigentlich eine einfache Bedienung – das geht nämlich auch ohne Cobot. Was gibt es hin- sichtlich der Produktionsleistung zu beachten? Da redet man plötzlich über die Abgrenzung von Mensch-Roboter-Interaktionszeiten ge- genüber Produktionszeiten, wo der Roboter möglichst schnell arbeiten soll. Da will man einen Roboter haben, der einfach zu bedienen, sicher sowie schnell ist und nicht nach zwei Jahren auseinanderfällt. Was ich sagen will ist: Nicht nur die nackte Komponente, sondern auch die Qualität der Beratung ist wichtig, die unser Kunde von uns erhält.

Auf der automatica 2018 haben Sie das Yaskawa-Cockpit vorgestellt. Wie nimmt der Markt die Softwareplattform an?

»Wir möchten Produkte haben, die für uns einfach zu verkaufen und auch für den Kunden einfach zu verstehen und zu installieren sind.«

Konzeptmäßig haben wir das Cockpit bereits auf zwei Messen gezeigt. Wir sind aber erstmals mit einem Produkt hier, das Sie sofort kaufen und installieren können – ein Produkt, keine heiße Zukunftsluft. Wir haben die Software so angelegt, dass man viele Dinge selber an seine individuelle Situation anpassen kann. Keiner will ein IT-Projekt draus machen, wo man jahre- lang einen Stab von IT-Consultern für vierstellige Tagessätze beschäftigen muss, und danach 1.000 statt zehn Fragen hat. Wir möchten mit unserem Produkt am Boden bleiben und den- noch die große Tür der digitalen Produktion für Kunden erfolgreich erfahrbar machen.

Was schwebt Ihnen da für die Zukunft vor? Wo sehen Sie Cockpit in fünf Jahren?

Wir hätten gerne eine schöne installierte Basis im Mittelstand. Die großen Firmen bekommen von unseren Robotern Daten geliefert in dem richtigen Protokoll, OPC UA, und bauen ihre eigene Industrie-4.0-Welt. Wir hätten auch gerne den einen oder anderen Systemintegrator, der diese Software verwendet, damit er bei seinen Kunden einen Überblick bekommt, was macht mein Kunde mit dieser Anlage? Was läuft gerade beim Kunden? Wie oft ist sie auf Störung? Braucht sie demnächst eine Wartung? Welche Ersatzteile kann ich mir schon mal hinlegen? Wir haben hier eine sehr pragmatische Art und Weise und die wollen wir um- setzen: Datentransparenz nützt uns allen – vom Roboterhersteller über den Systemintegrator bis zum Kunden und zurück.

Sie sprachen gerade vom Datensammeln. Führt das nicht zu einem Datenwust? Wie viele werden davon wirklich genutzt?

Wenn man nur überwachen will, was eine Anlage gerade live macht, muss man Betriebsdaten nur anzeigen und gar nicht sammeln. Das wäre eine Anlagen-Visualisierung, die wir heute so kennen. Wertvollere Leistungskennwerte einer Anlage bekommt man, wenn man diese Live-Daten sammelt und alle zwei oder alle vier Millisekunden irgendwo in Datensätzen abspeichert. Dann hat man Big Data. Damit kann man etwas anfangen. Man braucht eine statistische Auswertung über diese Daten, einen Trend, eine komprimierte Information. Nach dieser statistischen Berechnung, die heute blitzschnell geschieht, braucht man die ganzen gespeicherten Daten eigentlich nicht mehr. Im nächsten Schritt kann das, was in der Vergangenheit passiert ist, in die Zukunft extrapolieren. Wenn nichts passiert, wird die Anlage voraussichtlich die und die Performance abliefern bis zu dem Zeitpunkt, wo eine Komponente vorhergesagtermaßen den Geist aufgibt. All das zusammen führt dazu, dass man seine Produktion anhand von Kennzahlen gut im Griff hat, und alles tun kann, um eine fehlerfreie Produktion auf die Beine zu stellen.

Wir reden immer über Big Data, Industrie 4.0 und Hochtechnologie. Ich glaube aber, dass es viele Unternehmen gibt, die überhaupt noch nicht automatisieren und gar nicht wissen, welche Möglichkeiten sich da auftun. Wie groß ist Ihrer Meinung nach dieser Bereich?

Das sind viele kleine Unternehmen – auch in Deutschland. Die Schweißbude ums Eck, die vielleicht Rahmenbauteile mit drei, vier Leuten schweißt; viele erfolgreiche Mittelständler, die zurecht skeptisch gegenüber den großen In- dustrie-4.0- und 5G-Vokabeln sind. Die wollen einfach nur produzieren und das möglichst effizient. Auf der Hannover Messe reden wir von 5G, Industrie 4.0, von Cloud und Cloud-to-Cloud-Kommunikation, Zukunft der Automation und so weiter. Wann fängt die Zukunft denn an? Was ist Realität, was ist Stand der Technik? Bei diesen Kunden koppeln wir uns alle mit unserer Zukunftshype-Diskussion völlig ab.

Yaskawa bietet Roboter für verschiedene Bereiche an. Wo sehen Sie aktuell die größten Potenziale – technisch und wirtschaftlich?

Also Handling ist der Klassiker. Montage ist immer ein Thema. Da gibt es über Jahre hinweg einen Handlungsbedarf. Wir können mit Robotern heute mehr Dinge machen, weil die Roboter intelligenter werden, die Bildverarbeitung besser wird. Auch die künstliche Intelligenz hilft uns in manchen Bereichen. Bei Yaskawa ist natürlich das Lichtbogenschweißen ein wichtiges Thema. Wir versuchen, mehr und mehr kleine, günstige Standardschweißzellen anzubieten – auswählen, kaufen, installieren, fertig. Viele kleine Schweißaufgaben warten auf uns, wo man eigentlich nur einen Handschweißer ersetzen möchte. Das ist unser aktueller Schwerpunkt.

Die Nachfrage nach Doppelarmrobotern scheint geringer zu sein, als man sich erhofft hatte? Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Doppelarmroboter gibt es schon seit vielen Jahren. Die sind halt doppelt so teuer wie normale Roboter. Für solche Roboter braucht man aber eine pfiffige Idee zum Umsetzen. Da muss irgendetwas biegeschlaff sein, sodass ich mit beiden Händen arbeiten muss. Beim klassischen einarmigen Roboter holt man ein Werkstück, baut eine Vorrichtung, spannt das Teil ein, ein Roboter macht was daran, dann spannt man es aus und nimmt das Teil wieder raus. Das machen einarmige Roboter seit Jahr und Tag. Wir nennen das automationsgerechtes Prozess-Design. Die Produktionslinien, die wir heute sehen, sind für einarmige Roboter zu- geschnitten. Das eigentlich Naheliegende ist aber der zweiarmige Roboter als Eins-zu-eins-Ersatz für den Menschen. Früher, bevor es zweiarmige Roboter gab, hat man gesagt: Das lässt sich nicht eins zu eins automatisieren. Wenn man aber zwei Arme hat, geht das schon. Aber man muss im Umfeld des Roboters etwas vorbereiten, damit so ein Roboter effizient eingesetzt werden kann, sonst lohnt sich das gegenüber einem einarmigen Roboter nicht. Daran hängt ein bisschen der Verkauf von zweiarmigen Robotern – kein Geschäft ohne die passende Idee. Um einen zweiarmigen Roboter einzusetzen, muss man wieder vom Menschen aus denken und das kopieren, was er macht. Das macht man heute in der klassischen Automation eher nicht, dafür aber in anderen Branchen, etwa der Laborautomation. Die denken gar nicht über automationsgerechtes Konstruieren, robotergerecht und so weiter nach. Die sagen: der macht das jetzt dem Menschen einfach nach – und dann geht das auf einmal auch. Ich glaube, dass der zweiarmige Roboter oft nicht die perfekte Lösung ist. Aber vielleicht kommt der zweiarmige Roboter im Zuge der kollaborativen Roboter noch einmal groß raus.

Welche Produktneu- und -weiterentwicklungen werden Sie in der zweiten Jahreshälfte und darüber hinaus anbieten?

Das haben wir eigentlich schon angesprochen. Das werden diese einfachen Schweißzellen sein. Das nächste sind kollaborative Roboter mit größeren Traglasten. Wir haben hier auf der Messe schon einen heimlichen Helden als Prototypen stehen, den Schwerlast-Cobot mit 20 Kilogramm Traglast und sicherer Kraftsensorik in allen Achsen. Mit dieser Reichweite und Traglast sind wir ziemlich alleine unterwegs. Es ist auch technologisch etwas anspruchsvoller, mit 20 Kilogramm Traglast, mit dieser relativ großen Reichweite trotzdem die Sensitivität hinzubekommen, dass die Antriebstechnik auf Kollision mit dem Menschen ordentlich rea- giert. Dann haben wir die Software Yaskawa Cockpit in Version I4.0. Was auch noch viel mehr kommen wird, ist die gesamte Dienstleistung rund um den Roboter herum. Es geht da- rum, die Leute besser abzuholen, die bisher wenig mit Robotern zu tun haben und sich selbst informieren wollen – erst einmal ohne die klassischen Vertriebskanäle zu bemühen. Die klassische Situation als Roboterhersteller ist: Wir liefen an den Systemintegrator, der weiß alles, erklärt es seinen Kunden und wird dafür aber auch bezahlt. Man verknüpft IOs miteinander, programmiert per SPS und Code- zeilen mit Feldbus-IO-Listen oder was auch immer. Das ist 80er-Jahre-Old-School-Coding. Jetzt wächst eine Generation von jungen Leu- ten in die Entscheiderkreise der Automatisierung, die selber wissen wollen, was wir hier eigentlich machen und das vorher genau ab- checken. Ich glaube, diese Eigeninitiative müssen wir als Roboterhersteller bedienen. Wenn ich im Netz nichts finde, was mir weiter- hilft, und ich jemanden anrufen muss und der Vertrieb kommt dann schon in zwei Wochen, ist das frustrierend. Wir müssen frustrationsfrei kommunizieren, aber ohne der Welt etwas Simples vorzugaukeln, das es nicht gibt. Die Cobot-Welle hat uns klassischen Industrieroboter-Herstellern gezeigt, worauf es ankommt: einfach zu programmieren, einfach in Betrieb zu nehmen. Trotzdem bleibt unsere Aufgabe, das zu tun, was solche Cobot-Hersteller meist nicht machen können, nämlich die Expertise zu haben, wann und wie man das alles anwendet – oder sinnvollerweise eine Alternative wählt. Wir möchten Produkte haben, die für uns einfach zu verkaufen und auch für den Kunden einfach zu verstehen und zu installieren sind. Entweder beliefern wir sie mit dem Gewünschten oder versuchen weiterhin, der New Generation zu predigen, dass das Altbewährte doch immer noch viel besser war.

Eine letzte Frage: Worauf sind Sie besonders stolz und warum?

Darauf, dass es in der Robotertechnik immer noch so spannend ist und ich mittendrin – im Umbruch von der klassischen Automation zur neuen digitalen Produktion – sein kann. Außerdem bin ich stolz darauf, wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit man mit unseren Robotern umgehen kann, wenn die Begeisterung und das Engagement stimmt. Wir hatten hier an unserem Messestand ein öffentlich gefördertes Schulprojekt, Live-Unterricht einer neunten Klasse, Hauptschule. Ich habe wirklich Freude zu sehen, wie die als endfrustriert, demotiviert und antriebslos bekannten Hauptschüler begeistert die Robotertechnik in der Schule durchnehmen und dann anschließend noch in ihrer freien Zeit am Roboter weitermachen und rumprogrammieren. Wenn die Schulen mit attraktiver Technik ausgestattet sind, lernen die so schnell, dass wir Alten ganz schnell beiseite treten müssen. Da kann man wirklich sagen, dass man den Jungen auch mal mehr zutrauen sollte. Das ist unser Bildungsauftrag – die Motivation. So wie bei den Freitagsdemonstrationen der Schüler. Man kann sagen, die schwänzen die Schule. Man kann aber auch sagen, die kümmern sich um ihre Zukunft, weil die Alten es vermasselt haben, ihnen die Weichen richtig zu stellen.

Schönes Schlusswort, Herr Dr. Klos. Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Erschienen in Ausgabe: 04/2019
Seite: 24 bis 27