Wellenreiter

Jürgen Ries - Der Geschäftsführer der Asys GmbH verrät im exklusiven Interview mit Redakteur Oliver Krüth, wie die Unternehmensgruppe die zweite Welle der digitalen Transformation vorantreibt, welche Erkenntnisse zehn Jahre China bei ihm hinterlassen haben und wo er noch Potenziale sieht.

30. September 2019
Wellenreiter
(Bild: Asys Group)

Herr Ries, welche Neuerungen wird Asys auf der Motek 2019 präsentieren?

Wir wollen zeigen, dass wir komplette Factory-Lösungen anbieten. Unsere Wurzeln liegen in der Produktion von Einzelprozessanlagen; wir haben eine fun- dierte Maschinenbaukompetenz. Mittlerweile verknüpfen wir diese Kompetenz in kompletten Fertigungsstraßen bis hin zu Factory-Lösungen inklusive Materiallogistik. Auf der Messe zeigen wir eine Pario-Anlage: ein Tray- handlingsystem für die Be- und Entladung von Produktionslinien, beispielsweise für den Anwendungsfall Verpackung. Darüber hinaus haben wir komplette Linien- und Factory-Steuerungen als übergreifende Softwarelösungen im Portfolio.

Deshalb werden wir auf der Messe eine AIV-Anbindung für die Pario-Anlage präsentieren. Wir bieten unseren Kunden Anlagen an, die mit einer von uns entwickelten smarten Steuerung vollautomatisch funktionieren. Der Bediener kann seine Anlagen über eine Smartwatch aus der Ferne überwachen und wird rechtzeitig über anfallende Bedienereingriffe informiert. Dies entlastet ihn in seiner Tätigkeit. Weiterhin ist der Bediener bisher dafür verantwortlich, dass das richtige Material zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Dies ist ein Grund, weswegen wir Lösungen für die Materiallogistik entwickelt haben. Dazu zählen heute Lösungen, wie AIV-Flotten, Materialbahnhöfe und Lagersysteme für Produktionsmaterialien und Endprodukte. Auch hiermit können wir den Bediener entlasten. Über unser komplettes Portfolio spannen wir ein Netz aus Softwarelösungen.

»Wir verknüpfen die Maschinen mit Softwaresystemen, um eine vorausschauende Fertigungsplanung zu ermöglichen.«

— Jürgen Ries, Geschäftsführer der Asys GmbH

Unsere Softwarekompetenz zeigt sich sowohl in der einzelnen Anlage, in der Verknüpfung dieser als auch in unseren Gesamtlösungen. In diesem Fall verbinden wir alle Systeme in der Fertigung, von Maschinen bis hin zu AIVs und Warehouses.

Welche Trends sehen Sie derzeit im Bereich Smart Factory?

Wir sind in ausgesprochen unter- schiedlichen Branchen aktiv: Elektronik, Solar, Halbleiter, Life Science, dort speziell im Bereich Medical Electronics.

Es geht darum, Kosten zu reduzieren, meist in Form von Headcount-Kosten. Außerdem steht Qualität immer im Fokus. Das führt unweigerlich zu Automatisierungsprozessen. Der Kunde fordert immer smartere Maschinen. Das Ziel ist ziemlich deutlich ersichtlich: die Fertigung möglichst ohne Operator-Intervention abzuwickeln. Wir ver- knüpfen die Maschinen mit Softwaresystemen, um eine vorausschauende Fertigungsplanung zu ermöglichen.

Für uns geht der Trend daher in allen Branchen ganz stark in Richtung Vollautomatisierung. Die können wir schon heute mit unseren vorhandenen Produkten realisieren.

Sie werden ab 2020 das opera- tive Geschäft der kompletten Asys-Gruppe übernehmen?

Korrekt. Wir sind eine privat geführte Firma mit zwei Eigen- tümern, Werner Kreibl und Klaus Mang. Ihnen gehören jeweils 50 Prozent der Firma. Sie sind aktive Geschäftsführer und teilen sich die Aufgaben. Klaus Mang verant- wortet international die Produktion und Werner Kreibl die Strategie, Finanzen, Vertrieb. Werner Kreibl wird sich sukzessive aus dem operativen Geschäft zurückziehen und widmet sich vertieft der strategischen Ausrichtung. Ich werde seine operative Rolle übernehmen.

Sie sind seit 2011 Managing Director der Asys Group China. Was haben Sie dort gelernt?

Wer in China überleben will, muss schnell sein. Entscheidungen muss man schnell treffen und umsetzen. Der Anspruch Chinas hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Das Land will sich von der billigen Werkbank in Richtung Hightech entwickeln. Die Regierung hat hierfür das Konzept »Made in China 2025« ausgerufen. Made in China soll ein Gütesiegel werden. Um in Hightech-Technologien führend zu werden, wird seither groß investiert.

Das verändert auch die Situation für uns als Maschinenbauer. Wir spüren aus China einen neuen, stärkeren Wettbewerb. Einerseits werden die Engineering-Kosten in China teurer. Andererseits springen viele Firmen auf diese Trends auf und profitieren von der Unterstützung durch die Regierung. Es ist unglaublich, wie viel Regierungsgeld für R&D-Pools zu Megatrends wie Robotik, KI oder Halbleiter vorhanden ist. Europäische Firmen haben das beim Thema Solarfertigung schmerzhaft erfahren.

Wie stellen sich Industrie 4.0 und Digitalisierung für die Asys Group konkret dar?

Wir sind Komplettanbieter – von der Einzelmaschine hin zum Logistikkonzept. Wir schauen uns genau an, wie würde der Kunde die Anlagen einsetzen? Wie verlaufen die Wertströme in der Fertigung? Wie funktioniert die dazugehörige Materiallogistik? Wir bieten unseren Kunden einen großen Vorteil, weil wir das komplette Portfolio aus einer Hand anbieten. Natürlich produzieren wir gerne Einzelanlagen, aber wir setzen auch Gesamtlösungen um. Im Moment arbeiten wir an äußerst spannenden Aufträgen, in welchen wir unsere Stärken unter Beweis stellen. Es gibt nur wenige Hersteller, die Lösungen in dieser Bandbreite anbieten können.

Welche digitalen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsnetzwerke haben Sie bereits entwickelt?

Das ist ein sehr spannendes Thema. Wir haben vor kurzem den neuen Geschäftszweig Software Solutions gegründet, der sich ausschließlich mit digitalen Geschäftsmodellen beschäftigt. Unser Anspruch ist, nicht nur Software, sondern auch Lösungen und Datenanalysen anzubieten. Wir beschäftigen uns auf Maschinenlevel gerade mit den spannenden Fragen: Wie können wir unsere Anlagen noch smarter machen? Welche Daten werden benötigt? Und was passiert mit diesen? Die Daten unserer Anlagen im Feld liegen bisher ausschließlich beim Kunden. Um Intelligenz in die Fertigung zu bringen, möchten wir diese Informationen auswerten und nutzen. Daher haben wir eigene Datenanalysten eingestellt, die sich nur mit solchen Themen beschäftigen.

Auf welchem Digitalisierungsniveau würden Sie Asys verorten? Auf dem ersten, wo es um einen besseren Kundenkontakt und Effizienz geht, also um Cloud, Mobile, Social Media und Analytics? Oder fokussieren Sie sich bereits auf die zweite Technologiewelle, die Basistechnologien wie KI, ML, IoT, Robotik, 3D-Druck und Blockchain prägen?

Wir befinden uns eindeutig in der zweiten Welle. Wir haben 3D-Druck-Eigenlösungen im Feld. Robotik ist unser Tagesgeschäft. Hinsichtlich Machine Learning haben wir aktuell fünf laufende F&E-Projekte, zum Beispiel mit der Bundesregierung und mit der Europäischen Union. Diese gehen in Richtung Blockchain-Anwendungen und Smart Vendors.

Wir können bereits heute komplett vernetzte Linien ausliefern. Mit einer Plug-and-play-Lösung geben wir dem Kunden eine Smartwatch an die Hand. Darüber bekommt er alle Informationen zu seiner Anlage digital und komplett ferngesteuert.

Wie gehen Sie bezüglich digitaler Transformation die Weiterbildung in der Asys-Gruppe an?

Dem Thema stellen wir uns verstärkt. Es geht um digitale Tools, etwa Anlagen online zu konfigurieren. Wir haben den Anspruch, die kompletten Geschäftsprozesse intern so zu digitalisieren, dass zum Beispiel Bestellungen automatisiert abgewickelt werden. Wir investieren weiter in die Kompetenz unserer Mitarbeiter. Digitalisierung soll auch über das Software-Team hinaus thematisiert werden. Die Mitarbeiter aller Bereiche müssen noch digitaler denken. Losgelöst von dem, was wir auf Maschinenlevel oder bei Softwarelösungen für Kunden bieten, haben wir einen internen Digitalisierungsansatz. Künftig soll ein Kunde eine Anlage, wie beim Online-Autokauf, live und digital konfigurieren können.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass die ständige Selbstverbesserung ein Schlüsselthema für Sie sei. Haben Sie in der Arbeitsorganisation von Asys dahingehend Optimierungen getroffen, um etwa disruptive Innovationen zu fördern?

Ich war acht Jahre in der Siemens Digital Factory, dem Referenzwerk von Siemens, bezüglich digitaler Fabrik. Meine hier gewonnene Erfahrung ist, wenn man es Mitarbeitern ermöglicht, in klar strukturierten Teams mit definierter Verantwortung zu arbeiten, die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt und ihnen Freiräume gibt, um die Verbesserungen dann umzusetzen, kann man erheblich schneller Lösungen und Verbesserungen erzielen, als mittels des klassischen Top-Downs über Bereichsleiter nach unten und wieder hoch kommuniziert.

Kaufen Sie Forschung und Entwicklung mittels Start-ups ein oder lösen Sie alles inhouse?

Sowohl als auch. In 27 Jahren haben wir 20 Firmen gekauft. Das waren immer kleine Firmen, deren Technologiekompetenz wir nutzen. Außerdem kooperieren wir mit Forschungsinstituten, dem Fraunhofer-Institut und lokalen Universitäten. Gemeinsam arbeiten wir an vielen Projekten.

Welche Firmenkultur kommunizieren Sie, um als Arbeitgeber für junge Leute attraktiv zu sein?

Wir möchten zeigen, was wir als Firma leisten. Die Bandbreite in der Hardware und auch das Software-Engineering von Maschinen bis hin zur Factory-Lösung sind extrem spannend. Das wollen wir nach außen sichtbar machen. Wir arbeiten auf verschiedenen Wegen: neue Website, Mitarbeiterempfehlungen, der Austausch mit Universitäten, nicht nur im Bereich Forschung und Entwicklung, sondern auch bei der Talentakquise. Für uns sind die Inhouse-Technologie-Tage ein wichtiges Medium. Diese möchten wir stärker für externe Personen öffnen.

Inwiefern nutzen Sie soziale Medien zur Kommunikation mit Ihren Kunden?

Ich habe ein gemischtes Gefühl zu Social Media. Wir haben uns entschlossen, den Webauftritt zu verbessern. Wir zeigen, was es Neues an Produkten gibt, welche Erfolgsgeschichten wir erzählen können. Wir werten jetzt den Traffic aus.

Erschienen in Ausgabe: 06/2019