Wie kommt man eigentlich auf die Idee, eine Wurmfarm zu betreiben? Bei Familie Langhoff entstand diese vor gut 20 Jahren, als der kleine Marvin mit zwei Regenwürmern nach Hause kommt. Auf die Frage, wie die Regenwürmer denn eigentlich Kinder bekommen, ist Vater Martin Langhoff erst ratlos, beginnt dann aber im Internet zu recherchieren und wird auf englischen Webseiten von Wurmfarmen fündig.

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Aus dem anfänglichen Interesse an der Wurmzucht ist erst ein Hobby geworden, bevor Langhoff 2000 das Unternehmen Superwurm im nordrhein-westfälischen Düren gründete. Schon bald reichte der Platz im eigenen Garten nicht mehr aus, weswegen das Unternehmen an seinen jetzigen Standort wechselte. Heute findet die Produktion in drei verbundenen Hallen statt, die eine Gesamtfläche von rund 1.200 Quadratmetern einnehmen.

Familie Langhoff setzt bei der Zucht auf die Regenwurmart Eisenia hortensis, in Anglerkreisen bekannt als Dendrobena. Gefragt ist die Art auch bei Gärtnern. Superwurm verkauft nicht nur Würmer und Wurmkokons. Auch Wurmhumus, Wurmerde zum Hältern und ein spezielles Futtermittel gehören zum Portfolio. Die Würmer hält Familie Langhoff in sogenannten Eurocontainern – in diesem Fall weißliche stapelbare Plastikboxen. Etwa 500 bis 700 Gramm Würmer kommen in eine Box, dazu frische Erde. Pro Monat verbraucht Langhoff rund 80 Kubikmeter Erde. Einmal pro Woche werden die Tiere gefüttert, bekommen frisches Wasser und etwas Erde in die Box. Das Timing ist dabei wichtig, wie Langhoff betont. »Wenn man eine Woche zu spät füttert, haben die Würmer schon wieder abgenommen.« Vier bis fünf Wochen bleiben die Würmer in einer Box.

Weltweit gibt es Unternehmen, die die gleiche Marktlücke bedienen wie Familie Langhoff. Um in diesem Wettbewerbsumfeld mitzuhalten und sich zukunftsfähig aufzustellen, entschloss sich Langhoff, die arbeitsintensive Wurmzucht konsequent zu automatisieren. Die Maschinen entwickelt er selbst. Der Maschinenschlosser hatte ein Studium in der Konstruktionstechnik angefangen, bevor er sein Interesse an Computern entdeckte und als Softwareentwickler arbeitete.

Die erste Maschine, die Langhoff entwickelt hat, sollte den Fütterungs- und Bewässerungsprozess teilautomatisieren. Wichtig war für ihn, Komponenten zu finden, die robust, leistungsfähig und bezahlbar waren. Schmutz, Erde, Feuchtigkeit durfte ihnen nichts anhaben. Außerdem durfte kein Schmiermittel in die Erde und zu den Würmern gelangen.

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Fündig geworden ist der Tüftler bei Igus. Elf Jahre lang waren die Drylin-R-Quattroschlitten mit Vollkunststofflagern und die E4-Energieketten im Dauereinsatz, ohne Wartung, ohne Reinigung. »Die würden wahrscheinlich noch 20 Jahre laufen; da ist nichts dran«, so der Superwurm-Chef. Nur müssen sie dies nicht. Langhoff hat eine neue Maschine im Einsatz – in Kombination mit einem ebenfalls selbst entwickelten Fahrerlosen Transportfahrzeug (AGV).

Einzug über Zahnriemenachsen

Im Container-Lager stehen die mit Erde und Würmer gefüllten Boxen, gestapelt auf einem Rollwagen. Wie weiße Soldaten in Reih und Glied folgt Wagen auf Wagen. In einigen Gängen zwischen den Reihen verbinden die obersten Kästen einzelne Spinnwebgespinste. Bis zu zwölf Stapelboxen stehen auf einem Wagen.

Das AGV fährt die gestapelten Boxen vom Lager zur Fütterungs- und Bewässerungsanlage. Damit sich die Stapel auf dem Rollwagen in das Fahrzeug ziehen lassen, sind im AGV zwei parallel synchron angetriebene Drylin-ZLW-Zahnriemenachsen inklusive Portalmittenantrieb verbaut. Um die Zahnriemenachsen zu bewegen, werden die Leitungen mithilfe einer E6-E-Kette geführt. Ist der Wagen eingezogen, wird durch einen Igus-Schrittmotor eine Schranke geschlossen, um für zusätzliche Sicherheit zu sorgen. Im AGV selbst sind Wittenstein-Antriebe verbaut. Sensoren und ein Spursystem von Pepperl+Fuchs kommen zum Einsatz, ebenso wie Sick-Laserscanner. Das Steuersystem ist ein Beckhoff-Rechner.

An der Anlage angekommen, fährt das AGV die Boxen an die Abgabestation. Hier nimmt ein intelligenter Greifer diese nacheinander vom Stapel und stellt sie auf ein Fließband. Zum Auf- und Zufahren des Greifers werden Wellen in Igubal-ESTM-Stehlagern gelagert. Sie halten dank speziellen Tribopolymeren hohen radialen Belastungen stand. Um die Leitungen bei den schnellen Bewegungen sicher zu führen, wird eine E4-E-Kette eingesetzt. Igus-Schrittmotoren mit Getriebe kommen zum Einsatz, damit der Greifer die Boxen auf das Fließband bewegen kann.

Automatisiert gebohrt

Auf dem Fließband gibt ein Dosierer neue Erde in die Boxen, dann wird automatisch Futter aufgestreut und im letzten Schritt bewässert. An der Aufnahmestation hebt ein Greifer die Boxen vom Fließband zurück auf einen Rollwagen. Das AGV holt sie ab und fährt sie zurück ins Lager.

Wenn die Tiere in neue Boxen kommen oder groß genug zum Verkauf sind, gilt es Würmer und Wurmhumus inklusive Kokons zu trennen. Auch hier wird eine Maschine genutzt, eine spezielle Siebkonstruktion, die ähnlich wie ein sich drehender Trichter aussieht. An dessen breitem Ende purzeln die Würmer heraus. Der Wurmhumus mit Kokons wird in große, fast quadratische offene Säcke gefüllt, auch Big Bags genannt.

Ein weiterer Schritt ist, Wurmhumus und Kokons zu trennen. Dafür hat Langhoff auch eine Maschine entwickelt. Wenn man mit geschlossenen Augen davorsteht, erinnern die Geräusche denen einer gedämpften Popcornmaschine in Aktion. Die Erde wird in der Maschine abgerüttelt und fällt am Ende herunter. Hier arbeitet eine Bilderkennung, die zwischen Wurmhumus und Kokons unterscheidet. Festo-Schnellschaltventile schießen über Luftdruck die Kokons aus.

Die Entwicklung war keine leichte Aufgabe: Die Kokons sind zwischen 1,5 und 3,5 Millimeter groß. Außerdem haben sie je nach Entwicklungsstadium verschiedene Farben. Der Vorteil der Maschine ist einfach, betont Langhoff: Geschätzt zwischen 10.000 und 250.000 Kokons sind pro Big Bag enthalten. Eine »Ernte« von 10.000 Kokons würde sich ohne die Anlage nicht lohnen. Auch was das Thema Abpacken angeht, ist Langhoff erfinderisch: Um die Würmer hältern zu können, bietet Superwurm spezielle Eimer an. Früher mussten in diese große Belüftungslöcher gebohrt werden, die mit maßgefertigten Kunststoffsieben verklebt wurden. »Das Bohren der Eimer und Einkleben der Siebe war für uns immer eine sehr nervige Arbeit«, betont Langhoff. Also machte er sich Gedanken, wie er diesen Prozess verbessern könnte. Herausgekommen ist ein Rahmen, in den 40 Eimer eingespannt werden können.

In dem Bohrportal wird eine Proxxon mithilfe eines Drylin-Portals bewegt und bohrt Lüftungslöcher automatisiert in die Eimer und/oder Deckel. Gestützt werden die Wellen des Portals dabei von Igubal-KSTM-Stehlagern, damit sie parallel synchronisiert werden können. Siebe für die Löcher benötigt Superwurm nicht mehr, denn die Proxxon bohrt stattdessen mit winzigen Löchern das Firmenlogo in die Eimer.

Für das Portal nutzt Langhoff Drylin-Zahnriemenachsen mit Schrittmotoren. Auch bei dieser Maschine sind E4-E-Ketten im Einsatz, die große Hübe ermöglichen. Beim Bohren der Belüftungslöcher fallen viele Plastikspäne an. Ein Vorteil der Igus-Produkte ist hier ihre Schmutzunempfindlichkeit und der Verzicht auf Schmiermittel. Aber damit hört die Entwicklerlust Langhoffs nicht auf. Er sieht noch viele Möglichkeiten, die Produktion weiter zu optimieren. Momentan arbeitet er zum Beispiel an einer Anlage, die Würmer automatisch in Dosen verpackt. Solche Döschen gibt es in Anglerläden. Mit der Anlage soll es für das Unternehmen wirtschaftlich machbar werden, solche Dosen abzupacken. Auch hier ist ein Igus-Portal im Einsatz.