»Zunehmend vernetzt«

Harald Schöppner - Der Ingenieur ist seit gut 30 Jahren bei Jumo. automation-Redakteurin Marie Christin Wiens sprach mit ihm über die neue Plattform-Strategie des Unternehmens, Konnektivität in Zeiten von Industrie 4.0 und den Spaß an der zwischenmenschlichen Ebene.

25. März 2019
»Zunehmend vernetzt«
(Bild: automation/mwi)

Herr Schöppner, Innovationszyklen werden immer schneller, Digitalisierung immer wichtiger. Dies gilt es, in Strategien zu berücksichtigen. Wie reagieren Sie darauf?

Wir setzen auf Modularität in Hard- sowie Software, um technologische Entwicklungen in kürzerer Zeit am Markt bereitstellen zu können. Das eine ist, dass man mehr in Plattformen denkt, in einzelnen Funktionalitäten, in Modularität. Wir haben mit unserer neuen Hard- und Softwareplattform Jupiter diesen Weg beschritten. Zum anderen beschäftigen wir uns mit agilen Entwicklungsmethoden, um den Prozess damit zu optimieren.

Sie wollen vom Komponenten- zum Systemlieferanten werden. Aus welchen Gründen?

Heute werden zunehmend vernetzte Lösungen im Markt benötigt. Nur vernetzte Lösungen können im eigentlichen Sinne eine Komplettlösung für den Kunden darstellen. Wir möchten den Weg vom Komponenten- zum Systemlieferanten beschreiten, damit wir diese Komplettlösungen bereitstellen können. Wir im Engineering versuchen schon seit Beginn, dem Kunden Systemlösungen an die Hand zu geben. Dafür ist die Kommunikation der einzelnen Komponenten untereinander wichtig. So ist es immer wieder der Fall, dass wir die Jumo-Lösung mit Fremdprodukten ergänzen müssen.

Für Sie ist wichtig, Kunden in einem Projekt nicht nur Ihre einzelnen Geräte anzubieten …

Wir sehen uns als Lösungsanbieter. Zunehmend. Von daher muss unser Portfolio in diese Richtung sukzessive ausgebaut werden. Dennoch werden wir natürlich auch weiterhin Nischen besetzen. Das ist unsere Stärke. Trotzdem wollen wir Komplettsysteme im Markt positionieren und damit umfangreicher als bisher unsere Kernbranche bedienen.

... Nischen besetzen. In welche Richtung?

Ganz klar gilt das für den Bereich Sensorik. Da kann ich nicht zu viel aus dem Nähkästchen plaudern. Denn das sind Technologien, die wir in der Entwicklung haben. Hier geht es unter anderem darum, Temperaturen zu messen in einem Fühler, per Funk zu übertragen, ohne dass in dem Fühler eine Elektronik oder eine Batterie verbaut ist. Das sind schon sehr innovative Ansätze, die wir hier verfolgen. Und das sind dann Nischenprodukte, die auch ein breites Anwendungsfeld erschließen.

Wenn Sie ein System anbieten, müssen Sie Ihre eigenen Komponenten kennen, aber auch wissen, was dazu am besten passt – brauchen also viel Know-how aus anderen Bereichen.

Definitiv. Da ist unser Engineering ganz stark positioniert. Wir haben viele Ingenieure, die aus unterschiedlichen Branchen kommen. Sie bringen langjährige Erfahrungen mit, haben viele Applikationen entwickelt und umgesetzt – und das auf unterschiedlichsten Systemen. Wir haben Kollegen, die aus der Roboterprogrammierung kommen. Andere kommen mehr aus der SPS-Programmierung. Wir haben Kollegen, die sich mit Modems, mit Schnittstellen sehr gut auskennen. Wenn ein Kunde auf uns zukommt, überlegen wir uns, wie wir die beste Lösung für ihn kreieren können. Damit holen wir den Kunden ab, binden ihn an Jumo. Wir gehen immer über die Schiene des per- sönlichen Kontakts, versuchen die zwischenmenschliche Ebene aufzubauen – diese Kundenbindung ist unersetzlich. Schon in unserer Unternehmensvision steht als erster Satz: Wir liefern unserem Kunden die komplette Messkette. Diese betrachten wir nicht aus Jumo-Sicht, sondern aus Kundensicht. Auch wenn wir die Messgröße nicht unbedingt im Programm haben, aber für den Kunden ist sie relevant, dann ist das die Lösung. Wir sind bei dem Thema schon sehr offen.

Vita - Harald Schöppner

- Seit 1988 bei Jumo.

- Er war dort 24 Jahre Softwareentwickler und Projektleiter sowie zwei Jahre im Vertrieb als Applikationsingenieur.

- Seit vier Jahren leitet Schöppner das Engineering bei Jumo.

Wie gehen Sie die Entwicklung zum Systemlieferanten an? Mit der Jupiter-Plattform?

Richtig. Das fängt im Kleinen an. Wir bieten ja heute schon Systemlösungen. Wenn wir unser intelligentes, busfähiges Anschlusssystem für digitale Sensoren Digiline betrachten, kombiniert mit unserem modularen Mehrkanalmessgerät Aquis touch, das ist schon ein System. Die Digiline-Sensoren kann man auch mit unserem Automatisierungssystem Mtron T kombinieren. Und in Richtung Jupiter-Plattform bekommen wir noch mehr Möglichkeiten an die Hand, für die Kunden. Alleine die Varianz über unser neues Automatisierungssystem Varitron, unterschiedliche Panel an diese Steuerung anbinden zu können und ein eigenes Profil für den Kunden aufzusetzen. Und hinterher ist es ein System: Wir haben die CPU, die Anschaltmodule, die Schnittstellen. Das heißt, wir können auch die Jumo-Komponenten wieder viel leichter an dieses System anbinden und damit auch größere und komplexere Lösungen bauen.

Der Plattformansatz an sich ist nichts Neues. Die Idee dazu ist wahrscheinlich bei Ihnen auch nicht über Nacht entstanden …

Wenn ich ein bisschen aushole, dann haben wir uns schon 2004 Gedanken darüber gemacht, wie wir unsere Geräte und Software modularisiert aufbauen können. Damals haben wir Konzepte und ein Objektverzeichnis entwickelt. Damit können wir Daten modulieren und Datenstrukturen modular aufbauen. Diese Grundlagenentwicklung haben wir einmal durchgeführt und daraus viele Produkte abgeleitet. Dann ist die Idee entstanden, dass wir uns für leistungsfähigere Systeme Richtung Linux-Plattform orientieren möchten. Wir haben uns für die Plattform dann einen recht leistungsfähigen Prozessor in der Embedded-Welt ausgesucht. Dies bietet so viele Freiheitsgrade, dass der OEM-Kunde seine eigenen Daten mit diesem Werkzeug modulieren und das interne System mit den Daten arbeiten kann. Enthalten sind Webportale des Gerätes, die Visualisierung und Übersetzungstools.

»Wir möchten den Weg vom Komponenten- zum Systemlieferanten beschreiten.«

Auslöser der Entwicklung war eine Anfrage?

Wir haben die Entwicklung vor ungefähr 24 Monaten gestartet. Vor circa 18 Monaten kam der Kunde auf uns zu. Er hat gefragt: Herr Schöppner, können Sie sich vorstellen, eine Steuerung mit uns zusammen zu entwickeln? Damit hat das Ganze Fahrt aufgenommen. Die Anfrage hat das Projekt in der Priorität intern auf Platz 1 gesetzt. Der Effekt ist, dass wir die daraus abgeleiteten Produkte früher auf den Markt bringen können. Wir werden nächstes Jahr ein weiteres Produkt – basierend auf der Jupiter-Plattform – einführen. In der nächsten Stufe gehen wir unsere Bildschirmgeräte an.

Worin unterscheidet sich das Konzept von anderen Soft- und Hardware-Plattformen, die im Automatisierungsbereich am Start sind?

Wir sehen uns nicht als klassischen SPS-Hersteller. Das werden wir auch nie werden. Aber wir sehen auch, dass große Automatisierungshersteller sich in unsere Märkte bewegen. Zum Beispiel B&R, die eine Software für FDA-konforme Datenaufzeichnungen zur Verfügung stellen. Wir haben Kunden, die auf die Lösung setzen und damit unser Registriergerät nicht mehr nutzen. Indem wir die Codesys in unsere Geräte integrieren, sehen wir aber jetzt die Chance, diese Anlagen automatisieren zu können. Dafür brauchen wir diese externe Software nicht. Die Datenaufzeichnung erfolgt in unserem Gerät, wir können diese exportieren. Damit haben wir einen USP. Durch unsere Registrierfunktionalität mit den Protokollausgaben, kombiniert mit unseren Regel-Algorithmen, haben wir gute Chancen, uns zu positionieren. Wir erhalten immer wieder Rückmel- dung, dass die Anlagen noch nie so gut geregelt haben wie mit unseren Reglern – das kombi- niert mit der Automatisierungstechnik und den Freiheitsgraden, eine individuelle kundenspezifische Bedienung integrieren zu können.

Können Sie ein konkretes Beispiel für diese verbesserte Regelgüte nennen?

Einer unserer Kunden baut Umweltsimulationsanlagen. Er hat eine B&R-Steuerung im Einsatz und erreicht eine Regelgüte von plus/minus 2,5 Kelvin. Wir haben unsere Regler integriert, nun erzielt er eine Güte von plus/minus 0,5 Kelvin.

Wo sind größte Potenziale für Ihre Plattform?

Ganz klar im OEM-Bereich, da können wir die Stückzahlen deutlich nach oben steigern. Gerade mit der Jupiter-Plattform, Stichwort Freiheitsgrade. Im Projektgeschäft sind wir schon relativ lange stark. Aber so können wir künftig den OEM-Markt flexibler bedienen.

»Das macht den meisten Spaß: nach draußen gehen, Menschen zusammenführen und Lösungen finden.«

— Harald Schöppner, Jumo

Als Erstes wird die Plattform für Ihr Automatisierungssystem Jumo Varitron eingesetzt. Wie unterscheidet es sich von Jumo Mtron T?

Der wichtigste Unterschied: Wir haben beim Mtron T noch unser eigenes Panel, in diesem ist auch die Registrierfunktionalität verankert. Das neue System ist unsere nächste Ausbaustufe. Wir gehen damit im August auf den Markt. Geplant ist, dass wir im zweiten Quartal 2020 die Registrierfunktionalität nachlegen. Diese ist in der CPU, der SPS verankert. Damit erhalten wir die Freiheitsgrade, Panels anbinden zu können, wie der Kunde sich das vorstellt. Wir haben viele Schnittstellen in die Jumo-Welt hinein, sodass man das System noch flexibler an die Anforderungen anpassen kann.

Welche Trends sind in Regel- und Messtechnik in den kommenden Jahren besonders wichtig?

Das geht ganz klar in Richtung Cloud Computing. Der Sensor wird die Daten in die Cloud senden können. Im Moment findet die zentrale Verarbeitung noch vor Ort in einer Komponente statt – in einer Einheit, die die Konnektivität in Richtung Cloud darstellt. Aber in Zukunft werden Sensoren meiner Ansicht nach deutlich mehr digitalisiert und eine intelligente Vor- verarbeitung der Daten erhalten, womit die Konnektivität in die Cloud hergestellt wird. Das heißt, unser Geschäftsmodell in diesem Bereich, unsere Registrierfunktionalitäten, erleben künftig einen deutlichen Wandel.

Wird das Thema Beratung/Service wichtiger?

Definitiv. Gerade, wenn wir als Lösungsanbieter aktiv werden wollen, brauchen wir das Know- how und das Personal dafür. Das ist bei Jumo im Moment das Engineering. Da sind wir sehr erfolgreich. 2015 sind wir mit drei Mitarbeitern gestartet, heute sind wir zu acht. Ich glaube, der Bereich wird auch künftig noch stark ausgebaut werden. Denn darüber können wir Kundenbindung herstellen. Heute ist es ganz wichtig, gute Beratung bereitzustellen – das ist der Erfolgsgarant für morgen. Service ist aber auch in einer anderen Art für uns wichtiger geworden. Wir haben in den letzten zwei Jahren unser Schulungsangebot ausgebaut. Dabei kommt es immer wieder zu Anknüpfungspunkten zwischen dem Jumo-Campus und dem Engineering. Wir als Engineering kommen ins Spiel, wenn es darum geht, die unterschiedlichen Möglichkeiten in ein System zusammenzufassen, es als Lösung auszuarbeiten.

Regel- und Messtechnik ist für transparente Produktionsprozesse wichtig, auch in der intelligenten Fabrik. Wo besteht das meiste Potenzial, Mehrwerte zu generieren?

Wir waren im Herbst vergangenen Jahres auf der Fakuma in Friedrichshafen. Da wurden auch viele Cloud-Lösungen präsentiert und ich habe mit verschiedenen Anbietern gesprochen. Die haben im Prinzip nur ihre Komponente in der Cloud. Aber was wir eigentlich betrachten müssen, ist ja der komplette Fertigungsprozess. Wenn ich nur die einzelnen Komponenten in der Cloud habe, kann ich nur diese analysieren. Ich erkenne vielleicht, hier geht ein Motor kaputt, weil die Drehmomentkurve sich verändert hat. Ich kann aber nicht den Gesamtprozess analysieren. Hier liegt, glaube ich, noch viel Potenzial verborgen.

Im Moment sind das mehr Insellösungen, diese Daten müssen irgendwie zusammengefasst werden. Die entsprechenden Algorithmen müssen die Prozesse analysieren. Erst dann lassen sich Schlüsse daraus ziehen, um Energie zu sparen oder die Qualität oder Quantität in der Produktion zu steigern.

Wie schätzen Sie die Marktsituation generell ein? Wo sind Chancen, wo Herausforderungen?

Der Reglermarkt ist im Schrumpfen begriffen. Das ist zweifellos so. Trotzdem ist es für Jumo ein sehr, sehr wichtiges und großes Standbein. Und aus diesem Blickwinkel betrachtet sehe ich die großen Chancen in unserer Jupiter-Plattform; mit der Systemtechnologie, den ganzen Lösungsansätzen, die wir mitbringen. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist die Weiter- entwicklung, zum Beispiel der Temperatursensorik. Da geht es darum, neue Messverfahren zu entwickeln. Und dann das Thema Cloud: Der Datenhunger steigt, die Sensoren werden im Markt benötigt. Wir müssen die Daten erst einmal erfassen – die müssen verarbeitet werden, damit man sie später analysieren kann. Und das ist an der Stelle natürlich eine große Chance für Jumo.

Was bringen Sie zur Hannover Messe mit?

Unter anderem stellen wir neben der Jupiter-Plattform auch unseren Bildschirmschreiber Logoscreen 700 vor. Dessen Messein- und Ausgangskarten sind hoch skalierbar. Das erlaubt die flexible Anpassung an unterschiedliche Anwendungen. Wir haben eine Manipulationserkennung integriert. Mithilfe von Hash-Algorithmen mit digitalem Zertifikat erreichen wir so hohe Sicherheit bei der Datenerfassung. Außerdem zeigen wir den Dico Temp 100. Eine Armatur, die eine diversitäre Temperaturmessung an nur einer Messstelle ermöglicht. Und natürlich werden Neuigkeiten rund um unsere Kunststofftechnologie Plastosens T präsentiert.

Was macht an Ihrer Arbeit die meiste Freude?

Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Menschen. Denn das sollte man nicht vergessen, das ist der wichtigste Erfolgsfaktor: den Kunden abzuholen; sich auf den Kunden einzustellen. Das ist nicht immer einfach und manchmal eine Herausforderung. Aber es macht den meisten Spaß: nach draußen gehen, mit Menschen kommunizieren, Menschen zusammenführen und Lösungen finden.

Sie sind seit 30 Jahren im Unternehmen. Wie schafft man es da, über den Tellerrand zu schauen, sich immer wieder neu zu erfinden?

Ich glaube, das ist eine Eigenschaft vom Ingenieur: der Wissenshunger und das Interesse an Technologie. Wenn man diese Eigenschaften nicht mitbringt, dann überholt die Technologie einen. Das war von Anfang an ein Motto in meinem Berufsleben: Ich möchte technologisch immer am Puls der Zeit sein – zu sehen, in welche Richtung entwickeln sich Technologien und welche Möglichkeiten ergeben sich daraus für Jumo. Das in eigene Produkte einfließen zu lassen und in Lösungen zu überführen, das macht Spaß.

Sie haben viel entwickelt. Was ist als besonders eindrucksvoll im Gedächtnis geblieben?

1988 habe ich bei Jumo angefangen und als Erstes habe ich eine serielle Schnittstelle entwickelt. Also Konnektivität. Das Thema zieht sich durch das ganze Arbeitsleben.

Erschienen in Ausgabe: 02/2019